Österreich : Chile

Meine früheste Fernseherinnerung ist das Spiel Österreich gegen Chile bei der WM 1982 in Spanien. Mehr als dieses Spiel selbst, prägte mich ein Geschichte, die unmittelbar vor diesem Match ihren Ausgang nahm.

Mein Vater unternahm kurz vor Beginn dieses Spieles mit mir einen Spaziergang in einem nahegelegenen Wald, in dem wenige Tage zuvor das Bundesheer eine Übung abhielt. Ich vermute es war blanke Neugier, die meinen Vater damals dazu bewog, mit mir diesen kleinen Ausflug zu absolvieren. Bestimmt wollte er erkunden, welche Spuren die Soldaten im Wald hinterlassen hatten. Leider besteht heute nicht mehr die Möglichkeit, ihn nach seinen damaligen Beweggründen zu fragen.

Irgendwann stießen wir während dieses Spazierganges auf blaue Plastikstifte, die am Waldboden lagen. Mein Vater erklärte mir, es handle sich um „Platzpatronen“, die bei der Bundesheerübung einfach weggeschmissen wurden. Umweltbewusstsein war in den frühen 80ern noch nich so bekannt.

Ich steckte einiger dieser harmlosen, bereits abgeschossenen Platzpatronen ein. Ich weiß nicht mehr, ob ich dies heimlich tat, oder ob mein Vater dies bemerkte. Wir kehrten nach diesem Spaziergang nach Hause zurück, einige Bekannte kamen zu Besuch und alle feuerten Österreich im Spiel gegen Chile an.

Tags darauf schickte mich mein Vater in die Dorftrafik, um eine Packung „Arktis“ für ihn zu holen. Wer heute einen Achtjährigen zum Zigaretten holen alleine in die Trafik schickt, dem wird die Obsorge für das Kind entzogen. 1982 war dies noch ok, zumindest bei uns im Dorf.

Stolz präsentierte ich dem Trafikanten K. , einem Mann um die 60, meine Beute des Vortags: Eine handvoll Platzpatronen. K. reagierte unentspannt und meinte, „wegen solcher Patronen kann ein Krieg ausbrechen.“ Nun liegt es wohl in der Natur eines Achtjährigen, nicht unbedingt eine kriegerische Auseinandersetzung auslösen zu wollen. An so einem Vorhaben sind schon Menschen mit wesentlich mehr Lebenserfahrung gescheitert. Ich tat das, was man im Volksschulalter eben so tut, wenn man das Schicksal der Menschheit in Händen hält: Ich schiss mir vor Angst fast in die Hosen. (Mein „Dank“ ergeht an dieser Stelle posthum an Herrn Tabakrat K. , seines Zeichens Dorftrafikant und Kindereinschüchterer der Herzen)

Ich lieferte die Pakung „Arktis“ brav zu Hause ab, lief dann eingeschüchtert zu einem großen Erdhaufen, der im Zuge von Bauarbeiten im Dorf aufgeschüttet wurde und versteckte sämtliches belastendes Material, indem ich die blauen Knallpatronen mit bloßen Händen in den Erdhaufen drückte und zusätzlich noch Erde über das „Kriegsmaterial“ schüttete.

Das Beweismaterial war ich also los, nicht aber die Furcht und schlechtes Gewissen, weil meinetwegen die Welt knapp vor dem Abgrund stand. Ich meine nicht zu übertreiben, wenn ich berichte, dass ich noch Monate nach dieser angsteinflößenden Begegnung mit Dorftrafikat K. abends nur einschlafen konnte, wenn ich in meinem Bett mit dem Gesicht in Blickrichtung Osten lag. In Richtung Westen befand sich ca. hundert Meter von unserem Haus entfernt dieser Erdhaufen, in dem ich die Platzpatronen verbuddelte. Um einschlafen zu können musste ich mich von diesen Munitionsteilen abwenden, wendete ich mich dem Erdhaufen zu, überkam mich ein beklemmendes Gefühl von Angst. Heute würde man meine damalige Reaktion wohl mit dem Begriff „Trauma“ begründen.

Heute ist der Erdhaufen längst weg, die K-Munition wohl verrottet. Krieg und Gewalt herrschen dennoch in vielen Teilen der Welt und ich frage mich: Wieviele Idioten haben ihre Platzpatronen damals NICHT eingebuddelt?

Eines noch: Österreich schlug Chile durch einen Treffer von Schoko Schachner mit 1:0.

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