Der lange Weg

Neun Monate hatte ich mich vorbereitet, dann war er da, der Tag. Marathontag. Aufmerksame Leser kennen die Vorgeschichte. Hier eine Sammlung meiner Eindrücke, ich vergesse recht schnell.

Es ist 6 Uhr. Das Aufstehen fällt leicht. Die Sachen hatte ich schon am Vorabend zurechtgelegt. Müsli mit Banane. Die Erstgeborene betritt die Küche. Ich glaube, die Kindesmutter hat sie geweckt, damit sie mich noch ein letztes Mal lebend sieht. Sie – die Kindesmutter – phantasiert ja schon seit Tagen, was sie mit dem Geld meiner Ablebensversicherung anstellen werde. Was sie nicht bedenkt: die Versicherung bezahlt nicht bei Selbstmord. Hihi.

Die Erstgeborene umarmt mich, gatuliert mir zum Geburtstag und verkriecht sich nach dem Morgenkakao, um mir im Büro eine Geburtstagskarte zu basteln. Lieb.
Letzte Vorbereitungen. Halt. Beinahe hätte ich die Pulsuhr im Badezimmer vergessen. Ich verklebe meine Brustwarzen mit Hansaplast. Das Hansaplast ohne Wundauflage. Es sollte mir beim Abnehmen am Nachmittag mehr Schmerzen bereiten als die 42,195 Kilometer davor. Beim meinem letzten Marathon vor rund tausend Jahren hatte ich mir die Brustwarzen am Laufshirt wundgescheuer, daher wird zugepickt. Wie muss es wohl den Rittern in ihren Kettenhemden mit diesem Problem ergangen sein? Seit wann gibt es dieses Hansaplast eigentlich?

Die Erstgeborene liefert die Glückwunschkarte. Die Kindesmutter hat nun auch den Kleinen geweckt. Auch er soll den Papa offensichtlich noch mal lebend sehen. Die Kindesmutter rechnet also fix mit meinem Ableben. Die Kinder bleiben bei der Oma. Wir fahren um 6.55 Uhr los, um 7.00 Uhr holen wir Schwägerin und Nichte ab. Ich habe Fans. Aus Dankbarkeit werde ich Ihnen später die U-Bahn Tickets bezahlen. Die Kindesmutter fährt freiwillig mit, vermutlich will sie meinen Leichnam dann gleich vor Ort identifizieren. Ich mag ihr praktisches Denken.

Wir erreichen das Parkhaus beim Messegelände um Punkt acht Uhr. Es geht in die nahegelegene U-Bahn Station. Beim Praterstern steigen wir aus. Ich entledige mich von überschüssiger Kleidung. Da kühles Wetter vorausgesagt ist, habe ich mein ältestes Langarm T-Shirt angezogen. Ich werde es später vor dem Gebäude der Vereinten Nationen in die mir nicht zujubelnde Menge werfen. Die drei Damen bleiben am Praterstern, ich fahre weiter zur UNO-City. Die erste U-Bahn Garnitur ist gerammelt voll, als sie einfährt. Ich bleibe am Bahnsteig stehen. Einige Körperkontakterotiker steigen dennoch ein. Dem Dolm der zuletzt einsteigt, wird von der schließenden Tür der Rucksack eingeklemmt. Ein freundlicher Mitmensch drückt das Teil durch die Gummidichtungen von außen ins Wageninnere. In der nächsten Garnitur zwei Minuten später ist mehr Platz, zum Umfallen reicht es allerdings nicht. 

Bei den UNO Silos angekommen, sehe ich, wie sich vorwiegend Männer, aber nicht nur, an einer an eine Grünfläche angrenzende Betonmauer erleichtern. Ich ahme dies nach, Rubey sieht mir zu, erkennt mich aber nicht. Woher auch? Als Falco fand ich ihn besser.

10 Minuten vor 9 Uhr gehe ich in meinen Startblock. Alle stehen dicht beieinander. Trotz 9 Grad frieren nur jene, die ganz außen stehen. Ätsch. Hundstorfer spricht zu den Läufern. Sowas braucht an so einem Freudentag wirklich niemand. Zwei vor neun startet die Elite. Punkt neuen werden Startblock 1 und 2 nachgeschickt. Ich rechne damit, dass mein Block fünf Minuten später dran sein wird und werfe um 09.01 Uhr mein blaues Langarm T-Shirt in die Zuschauermenge. Kaum hat dieses 10 Jahre alte Textilteil meine rechte Hand verlassen verkündet der Sprecher „Startzeit 09.15 Uhr“.  Naja, nur im Laufshirt ist es dann doch etwas frisch. Der Typ vor mir im IKEA-Leiberl tänzelt die ganze Zeit hin und her. Supere Sache, wenn jeder gerade mal über einen halben Quadratmeter Standfläche verfügt. Mir geht er auf den Arsch.

Es geht los. Nach zwei Minuten erreiche ich endlich die Startlinie und starte auf meiner Pulsuhr die Zeitnehmung. Es geht bergauf zum Scheitelpunkt der Reichsbrücke. Das Tempo ist unregelmäßig. Ständig läuft dir jemand vor die Füße. Wir hier auf die Goschn fällt, hat es wohl hinter sich. Von der Reichsbrücke hinunter Richtung Praterstern. Tempo laut Pulsuhr perfekt, Puls zu hoch. Was ist los? Wenn ich mit dieser Pulsfrequenz weieterlaufe, verglühe ich noch bevor ich Schönbrunn erreiche. 

Die Kinder am Straßenrand strecken ihre Arme zum „Gimme five“ über den Streckenrand. Da ich ganz am Rand laufe, schlage ich ein. Lässig, die Kleinen. Am Praterstern  geht es in die Hauptalle. Es wird eng. Es wuselt mir zu sehr, ich weiche auf den Schotterweg aus. Die Ersten verschwinden hinter den Büschen und Bäumen. Tut euch nur keinen Zwang an. Zwei Männer mit T-Shirt „Deutsche Vermögensberatung“ kehren von der kleinen Notdurft zurück auf die Strecke. Ich frage sie, ob sie sich die Hände gewaschen hätten. Sie faseln etwas mit vermutlich Chemnitzer Akzent. Es klingt nach Ausrede, ich verweigere daher hygienebewusst den Handschlag. Wir verlassen den Prater. Der Puls hat sich beruhigt.

Am Ring. Es fühlt sich gut an. Ich komme vom Land und sehe erstmals ein Lugner-Wahlplakat. Ich schmunzle und schüttle ungläubig den Kopf. Der meint es tatsächlich ernst. Wir verlassen den Ring und laufen in Richtung Schönbrunn. Immer wieder muss man Lücken zwischen langsameren Läufern suchen. Diese Lücken schließen sich of im letzten Moment wieder. Man will mich mehrmals stürzen. Vor Schönbrunn erblicke ich Kindesmutter, Schwägerin und Nichte in der Zuschauermenge. Ich grüße höflich und bekunde meine Freude, sie hier in der Millionenstadt zu sehen. Sechzehn Kilometer sind abgespult. Keine Beschwerden. Es geht in die Mariahilfer Straße. Ich danke Gott und Maria Vassilakou für die Entschärfung der Todeskante, vermeine jedoch noch Hautfetzerl vom letztjährigen Marathon am Straßenpflaster erkennen zu können.

Alle Geschäfte sind geschlossen. Ich hätte ohnehin kein Geld dabei. Die Trennung an der Abzweigung von Marathon und Halbmarathon meistere ich heldenhaft. Ich erreiche Kilometer 21. Die Pulsuhr meint, ich hätte bereits 21,4 Kilometer zurückgelegt. Ich denke, die Kilometertafel wäre falsch gesetz, werde aber bei Kilometer 22 eines Besseren belehrt. Blöd, wenn man sich die letzten Kilometer nur an der depperten Pulsuhr orientiert hat.

Kilometer 24. Bisher kein „Hungerast“, die „Pumpe“ arbeitet im zulässigen Bereich, aber ich spüre, wie die Gesäßmuskulatur langsam „zumacht“. Meine Begleiterinnen stehen bei der Friedensbrücke an der Strecke. Die Kindesmutter ist erkennbar mit dem Anfertigen eines Handyvideos beschäftigt, bestimmt ein Beweisstück für die Ablebensversicherung. Ich tue ihr nicht den Gefallen und verende an Ort und Stelle, sondern rufe ihr scherzhaft zu, „ich kann nicht mehr, ich drehe um“.  Mathemaikbegabte werden den Unsinn eines derartigen Ansinnens bei Kilometer 24 bei einer Gesamtstreckenlänge von 42 Kilometern rasch erkennen.

Praterstern. Es geht erneut in die Hauptalle. Nun grenzt es an Folter. Das Laufen geht ja noch, aber neben mir läuft ein Mann Mitte 50. Er „schlapft“. Bei jedem seiner Schritte scheuern seine Gummisohlen über den Asphalt, riecht es gar nach verbranntem Gummi? Das Geräusch verursacht bei mir Gänsehaut. Er setzt seine Füße wohl zu früh am Asphalt auf. Am Ende des Marathons würden seine Zehen bestimmt blutüberströmt vorne bei den Schuhspitzen rausschauen, denke ich mir und lege einen kleinen Zwischensprint ein, bis ich das unerträgliche Schlapfgeräusch nicht mehr hören kann. Knapp vor Kilometer 30, kurz vor dem Happel Stadion der nächste Tiefschlag. Ich laufe auf ein junges Läuferpaar auf. Er als Robin Hood verkleidet, sie als Tinkerbell. So was will man nicht sehen, wenn man ohnehin mit einem kleinen Tief und stärker werdenden Muskelschmerzen kämpft. Wieder ein paar schnelle Schritte und ich habe diese beiden Spaßvögel hinter mich gebracht.

Beim Stadion wieder eine Zusammenkunft mit meinem Betreuerteam. Die Kindesmutter feuert mich mit „Hopp auf, Ödön“ an. Vermutlich hofft sie, dass mir ein Ast auf der Hauptallee das Licht ausknipst, Wind wäre ja ausreichend vorhanden. Vielleicht hat sie aber auch etwas ganz anderes gerufen, unter der Belastung eines Marathons ist man ja oft wie im Delirium.

Kilometer 32. Gegenverkehrsbereich Hauptalle. Begegnungszone sozusagen. Ich leide. In den Gesichtern der Entgegenkommenden sehe ich, da leiden auch viele. Ganz viele. Die sind allerdings schon ein gutes Stück weiter als ich. Die Runde ums Lusthaus ist wie eine kleine Erdumrundung. Die Streck zurück Richtung Stadion ein kleiner Marathon für sich. Meinen Harndrang unterdrücke ich im Wissen, dass ich nach dem dafür nötigen Stehenbleiben nie wieder von dem Baum meines Vertrauens loskommen werde, also lasse ich das Wasser lassen.

Raus aus dem Prater, die Beine sind taub, das Hirn leer, aber bei Kilometer 36 hört man nimmer auf. 38. es ist zäh. Irgendwie schaffe ich es auf den Ring. Ein Hauch von Kraft kehrt wieder zurück. Das positive Denken ist wieder da. Vor mir haut es einen über die Straßenbahnschienen. Zum Glück steht er alleine wieder auf. Staatsoper. Irgendwann taucht vorne das Parlament auf, doch es dauert ewig, bis ich da hin komme. Als ich es passiere, nehme ich es gar nicht mehr wahr. Blaulicht. Rettung. Zwei oder drei liegen benommen am Straßenrand. Man kann das Ziel schon sehen. Erfolg und Scheitern liegen hier ganz nahe beieinander. Die Selbstüberschätzung liegt am Straßenrand, kommt aber hoffentlich rasch wieder auf die Beine. Ich komme durch. Auch ich sehe kurz verschwommen. Es sind zwei drei Tränen der Rührung. Die meinen Blick verwässern. Es hat sich gelohnt.

Der rote Teppich. Der Zielsprecher erwähnt zweimal meinen Namen und meinen heutigen Geburtstag. Den 42. Geburtstag. 42 Kilometer am 42. Geburtstag. So lautete mein Drehbuch. Ich fühle mich wie Thomas Muster bei seinem Paris-Sieg, erhebe kurz meinen Arm, und laufe durchs Ziel. Fertig aber glücklich. 

Ich gehe hundert Meter. Meine Beine sind Beton. Ich schleppe mich zum vereinbarten Treffpunkt. Die Kindesmutter scheint trotzdem froh zu sein, dass ich überlebt habe. Wegen 42 Kilometern Laufen stirbt man nicht gleich. Ich habe das Bedürfnis mich zu setzen, aber es gibt keine Sitzmöglichkeit. Später dann, in der U-Bahn. Endlich.

Nach ein paar Stationen muss ich wieder auf. Wunderheilung. Runder Gang, keine Krämpfe, leichte Muskelschmerzen. Stiegen steigen kein Problem. Heimfahrt mit dem Auto. Easy, Cheesy. 

Zuhause. Duschen, ausgiebig. Oh, die zugepickten Brustwarzen! Das Hansaplast ohne Wundauflage. Es hat mir beim Abnehmen mehr Schmerzen bereitet als die 42,195 Kilometer zuvor. 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s