Der 101. Tag des Jahres 2016

Der 10. April ist der 100. Tag des Jahres, so will es der gregorianische Kalender. Dies ist eine Tatsache, die sich alljährlich wiederholt. Davon ausgenommen sind Schaltjahre. Hier rutscht nach dem 28. Februar alles um einen Tag nach hinten, der 10. April wird zum 101. Tag des Jahres. Für den weiteren Verlauf dieser Geschichte ist dies relativ Wurscht.

Es ereignete sich am 100. Tag des Jahres 1974, dass meine Mutter unter Schmerzen das Krankenhaus aufsuchte und mich gebar. Hier liegt der Kern, der dieser Geschichte zu Grunde liegt. Der 10. April.

42 Jahre zogen seitdem durchs Land. In meiner Jugend total Sportskanone, schränkten sich meine körperlichen Aktivitäten Anfang der 2000er Jahre stark ein und kamen wenig später zum Erliegen. Beruf, Familie, Eigenheimerrichtung, Selbständigkeit…man kennt das ja. Von einem austrainierten Bürschchen mit 62 Kilo, der Ausdauerwettkämpfe bestritt, hatte  ich mich zum „g’standenen Mann“ entwickelt, 80 Kilo bei 177 cm Körperlänge. Pro Jahr ein Kilo. Fix, Oida.

Wenige Tage nachdem ich im April 2015 erstmals mehr als 80 Kilo – genaugenommen 81 Kilo – auf die Waage brachte, dachte ich mir, es könne so nicht weitergehen, ich müsse diesem körperlichen Verfall entgegenwirken. Das Fernsehen lieferte gerade tolle Bilder vom Wiener Marathonlauf, den ich in den 1990er Jahren zweimal bestritten hatte. Es ist immer wieder imposant, wenn sich die Menschenmasse der Marathonläufer in Bewegung setzt und auf der Reichsbrücke die Donau überquert. In all den Jahren, in denen ich dem Sport eher unfreiwillig den Rücken kehrte, träumte ich davon, einmal noch 42.195 Meter in Angriff zu nehmen. Irgendwann mal.

Später am Abend googelte ich „Marathon Wien 2016“ um das Datum des nächsten Marathons herauszufinden. Wenn schon nicht körperlich in der Lage an so einem Lauf teilzunehmen, so dachte ich mir, ich könnte mir dieses Event im kommenden Jahr doch zumindest als Zuseher am Rand der Strecke zu Gemüte führen und wollte mir mal den Termin vormerken. Google suchte, fand schnell. Die Suchmaschine warf den Termin aus: es war der 100. Tag des Jahres. Ich korrigiere: da es sich beim Jahr 2016 um ein Schaltjahr handelt, ist es der 101. Tag des Jahres. Wurscht. Aufmerksame Leser haben bereits erkannt, dass es sich um den 10. April handelt.

Als ich Googles Suchergebnis sah musste ich lachen. Nein eigentlich musste ich nicht lachen. In meinem Gehirn legte sich in dieser Sekunde vielmehr ein Schalter um. 

Wie oft bekommt man die Chance, ausgerechnet am Tag seines 42. Geburtstages einen Marathon von 42 Kilometern  vor der Haustüre serviert zu bekommen?  Es war ein Zeichen. Beim Marathon wird nicht zugesehen, er wird gelaufen. Fix Oida.

Die letzten zehn Jahre standen Familie, Haus, Firma, Gemeinwohl und siebenhundert weitere Sachen im Vordergrund. Mein Körper stand im Abseits, das sieht man ihm auf cirka ein Jahr alten Fotos aus heutiger Sicht auch an.

Im Juni 2015 hatte ich zwar noch keinen einzigen Kilometer trainiert, meldete mich jedoch für den Marathon an, kaufte Laufschuhe und Pulsuhr und begann mit langen, langsamen Einheiten. Die Zeit, die ich in den letzten Jahren nicht zu haben schien, zwickte ich mir von meiner Arbeitszeit weg. Meine Ambitionen sollten nicht zu Lasten der Familie gehen. Ich versuchte meine Arbeitsabläufe effektiver zu gestalten, unwichtige Dinge im Leben zu streichen. 

Heute habe ich rund 2.000 Kilometern in den Beinen, fühle mich wesentlich fitter, bin 15 Prozent Körpergewicht und viele kleine Wehwechen los. Fix, Oida.

Ein prägendes Erlebnis auf meinem Weg zu neuer Fitness war ein Gespräch mit einem Bekannten, der vom meiner Schwägerin von meinem Vorhaben erfuhr. „Wenn du dir etwas in den Kopf setzt, dann ziehst du das durch. So schätze ich sich ein“, sagte er zu mir. Wenn er wüsste, wie oft ich Dinge die ich gerne gemacht hätte abgeblasen habe, weil Anderes im Moment „wichtiger“ war, aus Pflichtbewusstsein, um Konflikte zu vermeiden oder aus irgendeinem anderen Grund und immer damit gehadert habe. Nein, diesmal bin ich dran. Diesmal ziehe ich die Sache durch, weil ich es will. Für mich. Nur für mich.

Heute ist der Tag. Ich bin gut vorbereitet. Ich habe mir das Ziel gesetzt, im Bereich meiner Zeit von 1999 zu laufen. Im Grunde ist es vollkommen egal, ob ich mein Ziel erreiche oder nicht. Es ist egal, ob ich als Fünftausendster oder Zwölftausendster durch das Ziel laufe. Es ist egal ob ich Krämpfe bekomme. Im Gegenteil. Schütten soll es wie aus Schaffeln, der Wind soll blasen und die Schuhbänder sollen mir viermal aufgehen. Gemein soll es sein. Egal. Heute ist der Tag auf den ich ein Jahr lang gewartet und hingearbeitet habe. Ich habe heute Morgen die Startnummer ans Laufshirt geheftet. Ich bin bereit.

Es ist der 101. Tag des Jahres 2016. Es ist der 10. April.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Der 101. Tag des Jahres 2016

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s