3200 Meter im Uhrzeigersinn

Eigentlich geht es hier um eine ganz andere Geschichte, eine lange andere Geschichte. Vielleicht erzähle ich an dieser Stelle mal von dieser langen anderen Geschichte.

Jetzt aber zu dieser Gschichte. Kurz gefasst, es kam irgendwann mal der Impuls und der Entschluss wieder etwas für den Körper zu tun, im Juni des Jahres 2015. Nach 15 Jahren Pause habe ich Laufschuhe und Pulsuhr gekauft und mit Grundlagenausdauertraining begonnen. Danach habe ich nach einer halbwegs flachen Laufstrecke gesucht, schwierig in einer Gegend, die sich Bucklige Welt nennt. Dann habe ich sie gefunden, „meine Runde“.

Halb Gemeinestraße, halb Radweg, Eurovelo 9, Danzig -Pula. Eine geschlossene Runde, 3200 Meter lang 20 Meter Höhendifferenz, entlang der Pitten, welche in letzter Konsequenz ins Schwarze Meer mündet.

Viele Stunden haben wir miteinander verbracht, vom Rekordsommer 2015 bis jetzt, Ende März 2016. Ich weiß alles über sie, die Runde weiß nichts über mich. 

Anfangs war reger Verkehr auf der Runde. Radfahrer, Läufer, Spaziergänger, Hundegeschäftebegleitpersonen, Mietzekatzen, Schlangen und ich. Mit zunehmender Abnahme der Temperaturen wurden sie immer weniger. Erst blieben die Schlangen weg, dann die Radfahrer. An den ganz kalten Tagen traf man vielleicht noch die Hundstrümmerllogistiker und Katzen auf der Suche nach einer Zwischenmahlzeit. 

Man lernt und beobachtet viel, wenn man monatelang ein und dieselbe Strecke im Kreis läuft. Zum Beispiel, dass die sogenannten Dog Stations, die Hundelosungssammelbehälter vollkommen umsonst aufgestellt wurden. Niemals sah ich jemand den Ballast, den ein Hund abgeworfen hatte, einsammeln. Niemals. Eine leere PET-Flasche befand sich mal eine Woche lang in so einer Sammelbox, bis sie weggeräumt wurde.

Auch gelern: Radfahrer grüßen nicht. Nie. Für den Radfahrer bist du als Läufer ein Gegner. Der Radfahrer belächelt dich, er ignoriert dich, aber er grüßt dich nicht. Der Läufer hingegen grüßt dich immer. Er ist dein Verbündeter. Spaziergänger sind grußtechnisch schwer einzuschätzen. Hundebesitzer grüßen immer freundlich. Du könntest sie ja beim Ignorieren der Dog Stations beobachtet haben. 

Das Thema Hund ist für den Läufer von heute ja kein unwesentliches, betrachtet doch mancher Hund den laufsportbegeisterten Mitteleuropäer als seinen natürlichen Feind. Der graue Rauhaarirgendwasmischling von dem weißen, sanierungsbedürftigen Haus an meiner Runde ist ja an Agressivität nicht zu überbieten. Kaum größer als ein Laufschuh, hätte der mich am liebsten immer zerfleischt, hätte ihn sein Dompteur nicht immer brav an der Leine geführt. Auch der Jagdhund der mal  aus dem Feld heraus auf mich losstürmte und den ich gerade mal im letzten Moment im Augenwinkel sah, ehe er mich zerlegt hätte soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

An den letzten warmen Herbsttagen wurde unweit der illegalen Schuttablagerung am Rand der Gemeindestraße ein Schlange von einem Auto überfahren. Sie klebte noch ungefähr zwei Wochen am Asphalt. Vermutlich beging der Lenker des Fahrzeugs Fahrerflucht. Ich wechselte jedenfalls wochenlang 20 Meter vor der Unglücksstelle die Straßenseite. Ich mag Schlangen nur von Haribo.

50 Meter vor der Kläranlage, direkt am Fluß, arbeitete sich eine Zeit lang ein Biber an einem Baum ab. Man konnte seine Spuren deutlich sehen. Seit cirka 2 Monaten gibt es keine neuen Spuren mehr von ihm. Vermutlich starb er an einer Bleivergiftung, verursacht durch das Gewehr eines Waidmannes oder der Biber zog einfach weiter, weil ihm der Gestank der nahen Kläranlage zu viel wurde. Die Kläranlage stinkt vermutlich jeden Tag im selben Ausmaß, für die Läufernase macht es jedoch große Unterschiede ob Rücken- oder Seitenwind herrscht. Bei Gegenwind kommt es zum Frontalzusammenstoß, so eine kommunale Abwasserreinigungsanlage kann einen ganz schön anfäulen.

Einmal sah ich während eines Laufes Fischzüchter beim Aussetzten von Lebendfisch. Ein anderes Mal rief ein Gemeindearbeiter vom Bauhof am anderen Ufer des Flusses zu mir herüber, er hätte dies schon mal schneller gesehen. „Aber sicher nicht von mir“, rief ich, bescheiden wie ich bin, zurück.

Oftmals brausten Autos in irrem Tempo auf der einspurigen Gemeindestraße um Zentimeter an mir vorbei, was ich stets mit hochgestrecktem Mittelfinger zu danken wußte. Einmal wurde mein Lauf für rund eine Minute unterbrochen, weil Landwirt U. seinen gesamten Rinderbestand vom Hof über die Gemeindestraße auf die Weide trieb. Er hat 28 Stück Vieh. Ich habe die Tiere im vergangenen Herbst bei einer langen Ausdauereinheit in jeder Runde gezählt. 

200 Meter nach dem Hof von Bauer U. steht eine alte Mühle die als Wochenendhaus genützt wird. Dort gibt es einen entzückenden Hasen und mehrere Hühner. Die Hühner habe ich komischerweise nie gezählt. Hendl mag ich nur, wenn es goldgeb gebacken am Teller liegt.

Meine Runde verläuft entlang der Autobahn. Die meisten Autotransporter fahren am Dienstag Nachmittag. Am Freitag Nachmittag fahren viele Reisebusse in Fahrtrichtung Graz, der beliebteste Kleintransporter ist der VW Caddy und bei der ASFINAG Autobahnmeisterei gibt es einen Parkplatz „nur für Kunden“. Über die Verkehrssituation auf der A2 am Sonntag kann ich keine Angaben machen, Sonntag hielt ich immer für die Familie frei. 

Drei Autobahnbrücken führen über meine Runde. Ein El Dorado für Lackschnüffler. Hunderte Male lief ich am Graffiti „I AM GAY“ vorbei. Wie Gay im Familiennamen heißt, hat der Nachwuchskünstler leider nicht hingeschrieben. Das daneben positionierte „NIRVANA FOREVER“ hätte ich mit einer Wachsmalkreide im Hintern genauso schön hingekriegt, vorstellen will ich mir das jedoch nicht mal selbst.

Wie zu Beginn erwähnt, ist meine Runde für 1,5 Kilometer Bestandteil des Radwegs Eurovelo 9 von Danzig nach Pula. Danzig interssiert mich nicht im Geringsten, nach Pula muss ich diesen Sommer unbedingt wieder mal hin.

Meine Runde ist 3200 Meter lang. Sie war und ist immer noch für mich da, hat mich nie nach meinen Motiven gefragt. Auf ihr habe ich Schmerzen ertragen, habe sie geliebt und manchmal auch gehasst. Ich habe sie in den letzten neun Monaten bespuckt, mit Füßen getreten, sie nass geschwitzt und sie für meine Schmerzen verantwortlich gemacht. Nur eines habe ich nie gemacht: ich bin sie niemals gegen den Uhrzeigersinn gelaufen.

Warum? 

Ich weiß es nicht.

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