Die Neuen

„We are new here“, sagte er, nachdem ich ihm sein Retourgeld ausgehändigt hatte. Er hätte dies nicht sagen müssen, es war klar, vom ersten Augenblick an. Vier Semmeln und eine Dose Bohnensuppe kauften sie bei mir im G’schäft, er und seine Begleiterin.

Seit Jahren gibt es Asylwerber in unserem Dorf. Die Nationalitäten änderten sich im Laufe der Zeit. Tschetschenen, Moldawier, Irakis waren da. Nun sind es Afghanen, Syrer. Sie leben mitten unter uns und trotzdem am Rande der Dorfgemeinschaft. Edith gibt ihnen regelmäßig Deutschunterricht. Es gibt keine groben Probleme, keine Anfeindungen. Die dümmlichen Witze überhört man besser. Dodeln gibt es überall.

Oft kommt einer ins G’schäft. SIM-Karten, Batterien, Nahrungsmittel, manchmal Zigaretten, Tschetschenen holten auch Alkohol. Mit Händen und Füßen werden die Wünsche geäußert, in gebrochenem Englisch, oder stolz mit ein paar Wörtern Deutsch. Ediths Wirken wirkt.

Heute kamen sie herein und blickten sich um. Keine Ahnung ob sie seine Frau ist, seine Schwester, oder seine Braut. Draußen hatte es zehn Grad. Seine rote „Nordica“ Skijacke fiel mir auf. Schwarze Zippverschlüsse an den Unterarmen. Ich sah sie mir genau an, als er das Wechselgeld in seiner schwarzen Bauchtasche verstaute. Irgendwo hatte er vermutlich aus einer Kleiderspende diesen Anorak ergattert. 

Ja, Flüchtlinge kommen täglich ins G’schäft und sie gehen gleich wieder. Manchmal sieht sich einer länger um und verschwindet wortlos wieder. Erzählen tut keiner was. Viele lächeln freundlich.

Auch der Träger der roten Skijacke lächelte freundlich, als er das Wechselgeld verstaute. Eine Münze fiel zu Boden und rollte unter das Kassenregal. „We are new here“, sagte er. Noch nie hatte einer das Gespräch gesucht nur SIM-Karten, Batterien, Nahrungsmittel oder Zigaretten. „Where do you come from“, fragte ich ihn. Er erzählte mir seine Geschichte. Von seiner Flucht aus Afghanistan. Zwei Monate waren sie unterwegs, er und seine Begleiterin. Er erzählte von der Fahrt auf dem kleinen Boot über das Meer. „Some died“, sagte er, sein Blick sank zu Boden, drei, vier Sekunden hielt er inne. Er erzählte von Griechenland, Serbien und Ungarn, von langen Fußmärschen, von Fahrten in klapprigen Bussen und von Reisen im Zug. „Hard and dangerous“ war alles, sagte er.

Unser Zusammentreffen dauerte keine 3 Minuten und ich habe keine Ahnung, warum mir dieser Mann Mitte Zwanzig seine Geschichte erzählte. Ich weiß nur, ich will mehr erfahren. Vielleicht sehe ich ihn morgen wieder oder in einer Woche. Egal wann, ich werde zu ihm sagen „tell me more“.

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