Die Christl von der Post

Der Pendl wuchs in einer Bäckerei auf. Das hatte nicht nur Nachteile. Zum Beispiel im Winter, wenn ich vom Skifahren auf der „Leitn“ nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause kam, stellte ich mich halberfroren ganz nah an den Backofen und schon bald machte sich wohlige Wärme in meinem Körper breit. Blöderweise fingen gleichzeitig die auftauenden Finger derart zu „nageln“ an, dass die Hälfte auch noch zu viel gewesen wäre. Die Hände wurden dann unter eiskaltes Wasser gehalten, das solle helfen, sagte man mir immer. Meine Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Therapieform sind bis heute geblieben.

Ein Umstand den ich damals aber besonders schätzte war jener, dass man Essbares praktisch rund um die Uhr verfügbar hatte. Besonders geliebt habe ich diese großen runden Behälter, in denen sich diese Unmengen von Haribo-Leckereien befanden. Colaflascherl, Schümpfe, Erdbeeren, Lustige Sprüche… mein Gott, an diese lustigen, essbaren Sprüche habe ich sicher seit 20 Jahren nicht mehr gedacht.

Auch Torten, Kuchen, Gebäck, von der trockenen Semmel über Salzstangerl und Kornspitz… alles war jederzeit zur Verfügung, ich brauchte nur zuzugreifen, musste jedoch – darauf wurde ich sozusagen dressiert – immer vorher um Genehmigung durch die elterlichen Geschäftsleitung ansuchen. Die Entnahme der Haribo-Delikatessen war nur unter Verwendung dieser dämlichen weißen Mini-Plastikzangen erlaubt. Gesetz! 

Ich musste nur in den Verkaufsbereich unserer Bäckerei gehen und zugreifen. Lucky me!
Eines Tages, ich muss wohl so sechzehn Jahre alt gewesen sein, beauftragte mich meine Mutter, im Laden die Rollo runterzulassen und die Tür zu verschließen. Es war kurz nach 18 Uhr. Geschäftsschluss. Da Frau Mama an der riesigen, jahrzehntealten Brotschneidemaschine gerade einen Großauftrag abarbeitete, kam ich ihrer Bitte gerne nach. Das Zusperren dauerte ja nur wenige Sekunden.

Gesagt, getan. Türe zugesperrt. Rollo runtergelassen. Fertig. Die Oberlichte über der Eingangstür ließ ich geöffnet, es war Sommer, Frischluft tat gut.

Und dann sah ich sie. Meine damalige große Liebe. Die Kokosschnitte, von des Vaters Zauberhand gefertigt. Mürbteigboden mit einer dünnen Schicht Ribiselmarmelade, bedeckt von einer köstlichen, saftigen Kokosmasse. Nur zwei Zentimeter hoch, zehn mal zahn Zentimeter im Quadrat und an einer Ecke diagonal bis zur Hälfte in Schokolade getunkt. Wer kann da schon „Nein“ sagen?

Ich ging hinter die Verkaufstheke und hatte sie in der Hand, mein große Liebe. Meiner riesigen Freude Ausdruck verleihend, fühlte ich mich gezwungen ein Lied anzustimmen. Und welcher internationale Superhit fällt einem Sechzehnjährigen ein, wenn er ein Objekt seiner Begierde in Händen hält?

Ich holte tief Luft, blähte meine Brust auf wie einst der großartige Carruso und ließ es lauthals aus meinem Körper schallen…

ICH BIN DIE CHRISTL VON DER POOOOOST„.

Genüßlich biss ich ich die von Schokolade überzogene Ecke der Kokosschnitte und fühlte mich in diesem Moment so großartig, so unbesiegbar, so zufrieden und so erwachsen…

…bis ich durch die geöffnete Oberlichte über der Eingangstür die Stimme des Dorfwirten hörte, der meiner Gesangsdarbietung in ruhigen Worten ein „Und i bin da Fischer Pepi, könnt i no a Kilo Brot haben?“ entgegenbrachte. 

Schlagartig war es vorbei, mit dem Gefühl der Großartigkeit, der Unbesiegbarkeit, der Zufriedenheit, mit dem Gefühl des Erwachsenseins. Ich gab keinen Laut von mir, selbst das leiseste Kau- oder Schluckgeräusch hätte mich in diesem Moment verraten können.

Im peinlichsten Moment, den ich bis dahin in meinem Leben ertragen musste, lief ich, Sechzehnjähriger, mit langen aber ganz ganz leisen Schritten zur Brotschneidemaschine im hinteren Bereich der Backstube und forderte meine Mutter auf: „Der Fischer Pepi steht vor der Tür. Gib ihm bitte ein Kilo Brot, i kann grad ned“. Fluchtartig verließ ich den Ort der Demütigung in Richtung meines Zimmers und legte, wie knallharte Jungs das damals so taten, Guns n‘ Roses auf.

Bis heute weiß ich nicht, ob der Fischer Pepi meiner Mutter damals von dieser Geschichte erzählte. Vielleicht werde ich sie morgen oder irgendwann danach fragen. Der Fischer Pepi und ich haben nie über meine Blamage ersten Ranges gesprochen. Ich trat dem Dorfwirten im Bewußtsein, dass er etwas gegen mich in der Hand hatte stets freundlich entgegen. Wenige Jahre später wurde Pepi leider von einer heimtückischen Krankheit befallen, die er nicht überlebt hat. Heute würde ich gerne mit ihm über die Christl von der Post lachen.

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