Der Tag an dem wir Freunde wurden

Es muss 1991 gewesen sein. Ich war ein unauffälliger Schüler an der Handelsakademie. Unauffällig heißt, ich hatte zumindest keine Entscheidungsprüfungen und war kein Mädchenschwarm. Warum die Mädels mich nicht registrierten weiß ich bis heute nicht, vielleicht besteht jedoch ein Zusammenhang damit, dass mich mein um sieben Jahre älterer Bruder gelegentlich „Popschi-Face“ nannte, bevor wir uns gegenseitig eins auf die Mütze gaben und ich danach immer blutete.

Ja, ich war eine Sportskanone. Ich betrieb ziemlich viele Sportarten gleichzeitig, „hauptberuflich“ war ich dem nordischen Skisport verschrieben, im Zweitberuf war ich Schüler, Tennisamateur, Fußballspieler und …. ein klein wenig auch alpiner Skiläufer.

In den Kinderjahren, so bis ins Alter von 12 Jahren, traten wir nachmittags nach der Schule die abschüssigen Wiesen des Dorfes platt und steckten Kurse aus, die wir mit unseren Skiern bewältigen. Mit dem Eintritt in die Pubertät ließ ich den alpinen Skilauf sein. Ein zweimal im Jahr fuhr ich vielleicht noch Ski in St. Corona oder am Stuhleck, Pisten selbst zu treten wurde undenkbar.

Dann im Alter von ca. 17 Jahren fand an meiner Schule eine Schulskimeisterschaft statt. Da sich einige Klassenkameraden anmeldeten, sprang ich über meinen Schatten und füllte ebenfalls eine Anmeldung aus, ohne Erwartungen, ohne Ziele.

Am Tag vor den Rennen wollte ich meine Skier präparieren, ich konnte das gut, war ich doch damals Skilanglauf-Nachwuchshoffnung. Als ich mir meine Ausrüstung so ansah, wußte ich: Wenn ich mit diesen alten, morschen Latten bei diesem Rennen auftauche, werde ich zum Gespött der Schule. Die Skier waren sicher schon 6 oder 7 Jahre alt, Fabrikat „Head“ (extrem uncool damals) und ich hatte sie von einem Bekannten meines Vaters in gebrauchtem Zustand geschenkt bekommen. Ich wußte, mit diesen Krücken läuft gar nichts, nicht einmal der Lift.

Ich kroch zu meinem Bruder, zu dem ich damals ein recht durchwachsenes Verhältnis pflegte und fragte ihn, ob er mir nicht seine Skier für das Rennen borgen könnte. Die Skier waren erst eine Saison alt, ich wußte wie er antworten würde.

Nein, wußte ich nicht! Er sagte „ja“! Keine Ahnung was in ihn gefahren war. Er genehmigte mir die Verwendung seines Heiligtums Atomic ARC, schwarz und pink und eigentlich 10 Zentimeter zu lang für mich. Wahnsinn.

Am nächsten Tag nahm ich an diesem Rennen Teil. Ich schwöre, ich hatte davor noch nie an einem alpinen Skirennen teilgenommen. Es gab zwei Durchgänge. Ich gewann die Gesamtwertung. Tagesschnellster! Ich gewann mit den Skiern meines Bruders.

Am nächsten Tag war ich der Held in der Schule. Alle schauten auf den neuen Star des Schulskisports, auch die jungen Damen. Niemals ging ich langsamer und selbstbewusster durch dieses Schulgebäude als an diesem Tag. Ja, ich hatte es geschafft. Auch am folgenden Tag war noch klar, „a new star is born“!

Am selben Tag half ich meinem Vater dabei ein Luftreinigungsgerät im Cafe meiner Eltern zu warten. Dieses Höllending sollte Nikotindampf aus der Luft filtern. Noch heute weiß ich, dass dieses Ding 30.000 Schilling kostete. Das einzige was es absaugte war das Geld aus der Brieftasche meiner Eltern. Egal. Im Zuge dieser Wartungsarbeiten fiel mir die Abdeckung dieses Kobels auf die Rübe, die Platzwunde wurde mit 6 Stichen genäht.

Der Kopfverband war so groß, dass ihn Franz Viehböck von der MIR aus sehen hätte können, hätte er neben den wissenschaftlichen Versuchen Zeit gehabt aus den Fenstern der Raumstation zu schauen.

Der Ruhm der vergangenen Tage war mit einem Schlag verblasst, als ich mit diesem Verband am Kopf am nächsten Tag zur Schule ging. Ich sagte, es wäre ein Trainingsunfall gewesen, bei gut 80 km/h. Die Piste wäre pickelhart gewesen. Der ÖSV übernähme die Behandlungskosten.

Der Ruhm kam nie wieder zurück.

Viele Jahre nach diesem historischen Sieg hat mein Bruder nach dem Tod unseres Vaters auf seinen Erbteil verzichtet und mir seinen Anteil an unserem Elternhaus übertragen. Ich bin unendlich dankbar dafür. Er wußte wohl, dass er sich dadurch viel Arbeit und Ärger ersparen würde. Mit welcher Motivation er mir damals seine Skier borgte, ist bis heute ungeklärt. Egal. Es war der Tag an dem wir Freunde wurden.

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