Der Prügelknabe – Die Schlacht vor dem Schulbuffet

Ich habe ein Problem. Geschichten die sich in meiner Kindheit oder Jugend ereignet haben, haben sich still und heimlich aus meinem Gedächtnis geschlichen, ohne vorher Bescheid zu sagen. Gerne würde ich den einen oder anderen Schwank aus meiner Jugend erzählen, doch es ist beinahe alles weg.

Heute ist mir eine Geschichte aus meiner Schulzeit eingefallen. Ich muss sie aufschreiben. Wer weiß, ob diese Erinnerung jemals wiederkommt.

Ein Gymnasium in einer kleinen Bezirkshauptstadt in Niederösterreich, Mitte der 1980er Jahre. Es muss Oktober oder November gewesen sein, wir waren ganz frisch an dieser Schule. Sechshundert, vielleicht auch achthundert Schüler besuchten diese Schule, ich weiß es – welch Überraschung – nicht mehr genau. Wir waren die Jüngsten, Erstklassler. Nobodies.

Im Keller dieser Schule gab es ein Buffet. Man nannte es „Buffet“, in Wahrheit war es ein Kiosk, der kurz vor der großen Pause geöffnet wurde und danach in jeder weiteren Pause aufgesucht werden konnte.

Es gab an diesem „Buffet“ nichts Besonderes zu holen. Wurstsemmeln, Müsliriegel, Schokolade und ähnliches Zeugs. Die „gesunde Jause“ war damals noch genauso unbekannt wie der Euro, deswegen wurden dort auch die grausigsten Fleischlaibchensemmeln verkauft, die jemals über einen Ladentisch gegangen sind. Diese Machwerke waren so dick, dass den kindlichen Endverbrauchern beinahe die Mundwinkel einrissen, wenn sie davon aßen. Die Dinger stanken so schlimm, dass ich freiwillig den Klassenraum verließ, wenn jemand sowas in der Pause verschlang. Hätte ich jemals so eine Fleischlaibchensemmel essen müssen, ich hätte sofort gekotzt. Jeder der sowas essen konnte, hatte für den Rest des Tages meine Freundschaft verloren, weil er so aus dem Maule stank.

Trotzdem herrschte vor jeder großen Pause vor diesem Kiosk Krieg. Täglich. Wir waren gerade erst mit den Gepflogenheiten an dieser riesigen Schule vertraut und mit diesem Wahnsinn der da im Keller in der großen Pause abspielte. Es herrschte dort das Gesetz des Stärkeren. Erstklassler waren ohne Rechte, Fußabstreifer, wir wurden niedergetreten. Wer zuerst kam, der malte zuerst. An guten Tagen schafften wir es noch vor dem Pausenende-Signal bis zur Verkäuferin, oft gingen wir mit leeren Händen zurück in die Klasse. Ich mochte die Salzstangerl die es da gab und die Schokolade.

Es galt, als einer der ersten in der großen Pause vorm Kiosk zu sein, dann hatten wir Chancen dort einkaufen zu können. Wir waren die Jüngsten, eigentlich ohne Chance mit unseren kurzen Beinen, doch uns wurde ein Vorteil gewährt, unsere Klasse befand sich im Erdgeschoß. Ein Großteil der Mitbewerber musste ein oder zwei Stockwerke mehr überwinden, um in den Keller zu gelangen. Beim Ertönen der Pausenglocken katapultierten wir uns von unseren Sesseln und stürmten mit Geschrei zu diesem Kiosk. Dauerte der Vortrag des Lehrkörpers einige Sekunden über das Läuten hinaus, waren unsere Chancen verwirkt.

Eines Tages, es muss wie gesagt im Oktober oder November gewesen sein, meinte es das Schicksal wieder mal gut mit uns. Der Lehrer war fertig, wir warteten nur mehr auf dieses akustische Signal… LOS!!!

Bartholomäus (Name von der Redaktion geändert) war ein hochintelligenter Schüler. Er saß in der ersten Reihe und wußte einfach alles. Vom Erscheinungsbild her war er der typische Strebertyp. Er trug eine Brille mit Metallfassung, die Gläser waren dick. Wie Aschenbecher sahen sie aus. Er war ungeschickt, aber er konnte gut laufen. Er hatte einen irrsinnig langen Schritt und ist immer als einer der ersten aus der Klasse in Richtung Kiosk gestürmt.

An diesem Tag war ich in guter Position. Wir jagten den Gang hinunter. An der Stiege in den Keller lag ich an Platz zwei oder drei, Bartholomäus war Erster. Ich sah, dass eine Lehrerin am Halbstock stand und bremste scharf ab, begann zu gehen. Bartholomäus war in seinen Filzpatschen hochmotiviert und nahm zwei Stufen mit einem Schritt. Abwärts.

Die Lehrerin am Halbstock, Frau Professor D., war zwar keine Lehrerin unserer Klasse, war mir jedoch von Gangaufsichten bekannt. Diese wagemutigste aller Lehrerinnen stellte sich mit ihren ca 1,60 Metern Körpergröße und geschätzten 45 Kilos dem adrenalindurchströmten, in den Keller stürmenden Erstklassler Bartholomäus in den Weg. Na mehr hat sie nicht gebraucht.

Sie versuchte den Zehnjährigen zu stoppen und zur Rede zur stellen. Bartholomäus versuchte seinerseits den Weg frei zu bekommen und wollte seitlich an Frau Professor D. vorbeizischen. Die Lehrerin packte ihn am Arm und versuchte ihn zurückzuhalten. Dann traute ich meinen Augen nicht. Der Streber Bartholomäus schlug die Lehrerin D. mit Händen und Füßen, er „birnte“ sie regelrecht her, zwar mit etwas mädchenhaftem Stil, aber ja, er verprügelte sie.

Dieser Schaukampf dauerte bestimmt 10 Sekunden lang. Frau D. versuchte ihn unter lauten „Hör auf“-Rufen zu umfassen und zu beruhigen. Bartholomäus schlug mit schwingenden Armen und Beinen mit einem gebrüllten „Schleich di, loss mi aus“ auf die arme Frau ein. Mittlerweile standen bestimmt schon 30 oder 40 Schüler auf der Treppe und schauten ungläubig zu, was der Trottel da veranstaltete.

Die Lehrerin bekam den Bartl, nachdem der ihr gezeigt hatte wo er den Most herholt, in den Griff, konnte ihn umfassen und schrie ihn an: „Weißt du wer ich bin? Weißt du wer ich bin? WEISST. DU. WER. ICH. BINNNNN???“

In diesem Moment dürfte in Bartholomäus‘ Hirn eine Alarmglocke zu läuten begonnen haben. Seine Muskelspannung ließ nach, er wurde ruhig. Frau Professor D., eine ca 40 Jahre alte Dame und eigentlich eine sehr sympathische Erscheinung, öffnete die Umklammerung, drehte den Burschen zu sich hin und fragte nochmals „weißt du wer ich bin?“.

Bartholomäus sah die Lehrerin an und sagte „na, waaß I ned“. „Ich bin die Frau Professor D.“, erklärte die Lehrerin. „Ah so. Des hob I ned g’wusst, tschuidige, tschuidige“, sagte der Bartholomäus darauf.

Bartholomäus hatte die Lehrerin tatsächlich nicht erkannt und sie für einen guten Platzes in der Warteschlange des Kiosks verdroschen. Wie hungrig muss der gewesen sein? Wir wussten lange Zeit nicht, wie wir nach diesem Vorfall mit ihm umgehen sollten.

Es folgten einige unangenehme Termine für Bartholomäus und seine Eltern beim Direktor. Ich glaube, auch der Bezirksschulinspektor kam eigens in die Schule um den Streber mit dem riesigen Kämpferherz persönlich kennenzuler…äh…zusammenzuscheißen.

Bartholomäus sollte in den kommenden Jahren noch durch großartige schulische Leistungen, einige Schlägereien in seiner (richtigen) Altersklasse, mehrerer im Zuge dessen gebrochener Brillen und zwei ausgeschlagene Schneidezähne nach einem Sturz im Turnsaal auffallen. Man hatte ihm beim Fußballspiel das Bein gestellt und er blutete fürchterlich.

Wir liefen bis zum Ende der 4. Klasse täglich zum Kiosk im Keller, danach wechselten viele von uns die Schule.

Ich habe keine Ahnung, ob man in diesem Gymnasium heute noch zu diesem Kiosk stürmt. Ich glaube eher, man kann sich heutzutage Bio-Apferl und glutenfreies Vollkornbrot per App bestellen und ins Klassenzimmer liefern lassen. Vor der großen Pause.

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