Die aufmerksame Zuhörung

Die Ablenkungen im täglichen Leben sind zahlreich. Handy, Fernsehen, Radio-Dauerberieselung, Werbeplakate, Geräusche hier und Stimmen da. Jeder kennt das. Die Aufmerksamkeitsdiebe sind unter uns.

Dann sind da deine Kinder. Kinder teilen grundsätzlich nicht gerne, am wenigsten jedoch deine Aufmerksamkeit mit irgendetwas anderem. Der erfahrene Vater von heute weiß das.

Immer wenn Fräulein Tochter, mittlerweile Dienstälteste in ihrer Kindergartengruppe, etwas zu sagen hat, weiß der moderne Kindesvater, dass er nun Aufmerksamkeitshaltung einzunehmen und der jungen Dame zuzuhören hat. So muss Papa. Alles andere bedeutete herbe Kritik durch die Erstgeborene.

Mir entgeht seit Jahren kein Wort mehr. Die Erstgeborene redet ununterbrochen. „Ununterbrochen“ im Sinne von „ich falle ihr nicht ins Wort“.

Es begab sich an einem Nachmittage, dass ich im Obergeschoß telefonierend, im Erdgeschoß einen dumpfen Aufprall vernahm. Zuerst schrie die Kindesmutter vor Schreck, dann das männliche Zweitkind vor Schmerz. Höflich beendete ich mein Telefonat mit einem Geschäftspartner mit den Worten „Oh, ich glaube da ist ein Unfall passiert, ich rufe zurück“ und schritt mit eiligem Schritt die Treppe hinunter. Ich betrat die Küche. Panik. Das Zweitkind war von der Essbank gestürzt.

Erster Check der Lage. Der Kleine in den Armen der sichtlich geschockten Kindesmutter. Kreischend. Das ist ein gutes Zeichen. Solange Kinder schreien, atmen sie auch. Der 2. Blick gilt dem Boden. Kein Blutfleck. Das ist ein zweites gutes Zeichen, es lässt auf unblutige Nase oder Kopfhaut schließen. Stürzende Kinder bluten gerne mal aus der Nase oder am Kopf, besonders wenn sie, wie das Zweitkind mit dem Kopf zuerst aufschlagen.

Ich rufe verbal zur Ruhe auf und will mich dem schreienden Kleinen in den Armen der Kindesmutter zuwenden. Will. Die Erstgeborene tritt in Erscheinung. Ich will mich dem Kleinen zuwenden, sie will mir den Unfallhergang schildern. Ich will mich dem Kleinen zuwenden, sie will mir den Unfallhergang schildern. Nochmal. Ich will mich dem Kleinen zuwenden, sie will mir den Unfallhergang schildern. Ich gehe einen Schritt in Richtung des Unfallopfers, die Erstgeborene jedoch will mir den Unfallhergang schildern. Ich setze einen zweiten Schritt in Richtung des vor Schmerz schreienden Unfallopfers, die Erstgeborene will…“HEAST PAPA, JETZT SCHAU HER DO, UND HORCH MA ZUA!“

Der moderne Vater von heute weiß was zu tun ist. Kein Blut, die Atmung funktioniert. Ich tue also was zu tun ist. Ich nehme die Aufmerksamkeitshaltung ein und lausche der Erstgeborenen aufmerksam zu. Sekunden werden zu Stunden.

Nach umfangreicher Erzählung und zweifacher Simulation des Unfalls in Zeitlupe kann ich mich nun endlich dem verunfallten Zweitkind zuwenden. Alle Knochen heil, den Flüßigkeitsverlust infolge umfangreicher Tränenabgabe wird er auf lange Sicht ausgleichen können. Was bleibt ist eine Beule und die Erkenntnis beim Kleinen, dass die Küchenbank nicht zur Leibesübung dient.

Eine Stunde später erfuhr ich beim Elternabend im Kindergarten, dass es wichtig ist, Kindern aufmerksam zuzuhören und sie stets aussprechen zu lassen. Ich schmunzle leise vor mich hin. Wieder mal alles richtig gemacht.

Der Ordnung halber: Den Geschäftspartner habe ich später tatsächlich zurückgerufen.

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