VW Caddy – in 58 Tagen um die Welt

Also es war so:

Kleines Dorf am Berg, Katastralgemeinde, ca 400 Einwohner, viele ältere Menschen, teilweise ohne Auto oder aus anderen Gründen nicht automobil.

3 Sanatorien in diesem kleinen Ort, Kapazität für mehr als 500 Menschen, davon ca 150 nicht in der Lage die jeweilige Gesundheitseinrichtung zu verlassen (z. B. blind, schwer Herzkrank, Schlaganfall usw.)

Anfang März 2013. Unruhe im Dorf und beim Bürgermeister. Der Greißler sperrt Ende des Monats zu, es rentiert sich nicht für ihn, arbeitet an der Gewinnschwelle. Die nächste Einkaufsgelegenheit in 6 km Entfernung. In den 60-er Jahren gab es eine Materialseilbahn, seitdem ist das Angebot des öffentlichen Verkehrs eher schlechter geworden. Doch es fährt ein Bus, doch niemand weiß genau wann.

Eine Lösung muß her. RASCH. Ein Verein soll gegründet werden, der das Geschäft weiterführt. OK, ich bin in einer verwandten Branche tätig und sehe den Kelch schon auf mich zukommen, selbst mit geschlossenen Augen. Mit meiner eigenen Firma (3 Filialen) nicht ganz unterbeschäftigt stimme ich trotzdem zu (Meine liebe Ehegattin spricht mittlerweile wieder ganz normal mit mir). Aus Überzeugung stimme ich zu. Weil es wichtig ist für den Ort, für die Kurgäste (Zahnbürsten werden besonders gerne zu Hause vergessen), weil meine 77-jährige Mutter betroffen ist, weil mich diese Aufgabe reizt. OK, plötzlich Vereinsobmann. Ich. No Cash, just risk, some fun.

Binnen 10 Tagen ist der Verein auf Schiene. Fast die Hälfte der Dorfbewohner werden Mitglied im Verein. 162 Personen borgen dem Verein jeweils hundert Euro, damit Ware für den Verkauf angeschafft werden kann. 16.200 Euro also. Um dieses Geld bekäme man wohl einen fünfsitzigen VW Caddy in der Spartacus-Version mit vier Reifen, Fenster zum Kurbeln, ohne Klimaanlage. Auf diesen Wagen komme ich später zurück.

Wir starten also am 2. April 2013 mit dem Verkauf. Das bestehende Verkaufspersonal macht zum Glück unter der Vereinsführung weiter.

2 Wasserrohrbrüche, 2 Kühlanlagenausfälle und 35.000 (!) Kundenkontakte später ziehe ich demnächst in einer Generalversammlung erstmals Bilanz. Der Verein ist gemeinnützig, Gewinn soll nicht. Wenn Gewinn, dann Investment in Verbesserung der Geschäftsinfrastruktur. OK, wir haben die Umsätze gegenüber des Vorbetreibers um 30 % steigern können, einen kleinen Überschuss erzielt. Die beiden Mitarbeiterinnen rackern ja auch wie verrückt.

Zurück zum VW Caddy. Wir hätten das Geschäft vor einem Jahr auch schließen können. Wir hätten sagen können: „legen wir alle hundert Euro auf den Tisch, kaufen wir einen Gemeinschaftswagen und fahren wir mit den Leuten die 6 km zum nächsten Spar einkaufen, runter ins Tal“.
Kein Mensch hätte einen einzigen Euro in sowas investiert. Privatmeinung.

Wir haben die Nahversorgung im Dorf zu einem Gemeinschaftsprojekt gemacht. Den Menschen ist bewußt geworden, dass es mehr Sinn macht, die Packung Butter und das Kilo Brot ums Eck zu kaufen, als mit dem Auto durch die Gegend zu kurven. Die Dorfbewohner haben erkannt, dass Nahversorgung Lebensqualität steigern kann, sie Gewohntes nicht verlieren wollen. Wir konnten mehr als 16.000 Euro sammeln. Rückzahlbar binnen drei Jahren. Ein Vertrauensvorschuss. Ein Auftrag: „Macht es!“

Den Caddy hätten wir eh nicht gekauft, auch wenn es den Vorschlag „Einkaufsbus“ (von einem Aussenstehenden) tatsächlich gab. Ich hab mal nach dem Modell „Milchmädchen“ nachgerechnet:

Wir hatten in den ersten 12 Monaten 35.000 Kundenkontakte. Würde man diese 35.000 Einkäufer mit einem fünfsitzigen VW Caddy die 6 km zum nächsten Markt und retour chauffieren, wären das 7000 Fahrten zu 12 km. Unser Caddy hätte also in einem Jahr 84.000 km zurückgelegt. Diesel kostete heute an der Dorftankstelle 1,35 Euro. Bei sehr optimistischen 5 Litern Verbrauch auf 100 km hätten wir Sprudel im Wert von 5.670 Euro verblasen. Unser ökologischer Fußabdruck wäre ungefähr so groß wie das Staatsgebiet von Frankreich.

Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 km/h (kurvige Bergstraße) wäre der Caddy zudem 1400 Stunden unterwegs gewesen das sind 58 Tage reine Fahrzeit.

Ich gestehe. Meine Berechnungen sind theoretisch und natürlich zu meinen Gunsten ausgelegt, trotzdem werde ich morgen zu einem VW Händler gehen, um eine Probefahrt bitten und testen, ob man in so einem VW Caddy überhaupt gut sitzt… oder ich hol mir ein Wurstsemmerl und ein kleines Bier, bei uns im G’schäft. Zu Fuß.

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