12 Stunden

Ich bin in einer Branche tätig, in der der Kollektivvertrag die Möglichkeit des 12-Stunden-Arbeitstages bietet. Der Betrieb läuft 24 Stunden am Tag, 7 Tage pro Woche.

Ich bin wahrlich kein Fan des 12-Stunden-Tages. Als ich den Standort 2007 von einem Vorbetreiber übernahm, war der zwölfstündige Arbeitstag dort etabliert.

Aufgrund verschiedener Bedenken stellte ich den Betrieb von zwei 12 Stunden Einheiten auf drei 8 Stunden Einheiten pro Tag um. Gleichzeitig bot ich den Mitarbeitern an, nach einem Monat eine Abstimmung durchzuführen, mit welchem System man künftig arbeiten wolle.

Eines meiner Bedenken war zum Beispiel die nachlassende Konzentrations- und Leistungsfähigkeit mit zunehmender Stunde. In weiterer Folge befürchtete ich hohe Krankenstandsquoten bedingt durch die höheren Anforderungen des langen Arbeitstages. Eine weitere Überlegung war, dass speziell an den Wochenenden Mitarbeiter vermehrt „blau“ machen könnten. Einen 8 Stunden Arbeitstag spult man am Sonntag noch weniger ungern ab als einen 12 Stunden Tag.

Wir starteten also ins 8 Stunden Schichtrad. Ich war zufrieden und überzeugt, den Mitarbeitern eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen geboten zu haben.

Nach fünf Wochen trafen wir uns zu einer Mitarbeiterbesprechung, es wurde – neben anderen Punkten – über das 8 Stunden und das 12 Stunden Modell diskutiert und danach geheim abgestimmt.

Die Mitarbeiter entschieden sich für das alte 12 Stunden System. Ohne Gegenstimme.

Hauptargument pro 12 Stunden war der größere, zusammenhängende Freizeitblock, den selbst Kindeserzieher unter den Mitarbeitern als sehr positiv einstuften. Zweitwichtigstes Argument waren die verminderten Anreisekosten zum Arbeitsplatz, durch weniger Anwesenheitstage pro Monat. Treibstoff war damals noch um ca 90 Cent/Liter zu haben.

Wir stellten, dem einstimmigen Votum folgend, wieder auf 12 Stunden Schichten um. Meine Befürchtungen von hohen Fehl- oder Krankenstandszeiten bewahrheiteten sich in keiner Weise. Die 12 Stunden Schichten sind anstrengend keine Frage. Ich selbst absolviere mehrmals jährlich solche langen Einheiten und habe tiefen Respekt vor meinen Mitarbeitern, die dies Tag und Nacht fehler- und verletzungsfrei hinter sich bringen.

Seit unserer „Urabstimmung“ sind einige neue Mitarbeiter ins Haus gekommen. Alle waren bzw. sind mit diesem 12 Stunden System einverstanden und zufrieden, unter anderem eine alleinerziehende Mutter und ein vierfacher Familienvater.

Richtig „Freund“ bin ich mit dem 12 Stunden Tag bis heute nicht geworden, ich kann aber damit leben, weil es laut Kollektivvertrag zulässig ist und dieses System von meinen Mitarbeitern seit Jahren erfolgreich getragen wird.

Dies ist kein Plädoyer für den 12 Stunden Arbeitstag.

Advertisements

Ein Gedanke zu „12 Stunden

  1. Fuchs Martina

    Asschlaggebend hier ist: DU HAST ES MIT DEN MITARBEITERINNEN BESPROCHEN UND AUSGEMACHT!
    1996 wurden die Samstagöffnungszeiten im Einzelhandel erweitert. Ich habe (schon 1/2 Jahr davor) den 12 Mitarbeiterinnen gesagt, sie sollen ihre 38 Stunden so in der Woche verteilen, wie es ihnen am Liebsten wäre. Ergebnis: wir konnten alle „Wunschpläne“ 1:1 übernehmen. Denn: manche wollten lieber am Wochenende arbeiten (weil entspanntere KundInnen), manche wollten lieber Vormittag arbeiten, andere lieber länger schlafen, etc. Win-win! Und ich hatte keine Arbeit mit Dienstplankonstruktion.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s