Los!

„Wutbürger“ Roland Düringer will mit seiner politischen Bewegung (wie heißt sie nochmal?) bei der Nationalratswahl antreten. Anders als es der Name seiner Puls 4 Talk-Show vermuten ließe, vertraut er bei der Listenerstellung nicht auf „gültige Stimmen“, nein, Roland Düringer will das Los über die Reihung der Kandidaten auf seiner Liste entscheiden lassen. Ob man dies als demokratisch oder als „Schnapsidee“ bezeichnen will, bleibt jedem selbst überlassen. Eine Kandidatur auf Glückspielbasis wirkt eher plan-Los, hilf-Los, respekt-Los, vernunft- und visionslos.

Gar nicht visionslos erscheint Peter Pilz in diesen Tagen. Er betreibt ein Katz- und Mausspiel mit Journalisten und (Ex-?) ParteifreundInnen ob er bei der Nationalratswahl im Herbst mit einer eigenen grünen Filiale antreten wird. Seinen Austritt aus dem Parlamentsklub der Grünen hat er medienwirksam auf den Treppen vor dem Parlament verkündet. Bei dieser Gelegenheit hat er die anwesenden Mikrofone dazu genützt einen mehr oder weniger unverhohlenen Spendenaufruf loszulassen. Seine Kandidatur scheitere de facto nur am Geld.

Hier kommt nun Norbert Darabos ins Spiel, der just am selben Tag in einem Radio-Interview andeutet, Peter Pilz unter anderem wegen übler Nachrede und Kreditschädigung klagen zu wollen. Dass sich ein schlauer Fuchs wie Pilz eine solche Chance entgehen lässt, darf bezweifelt werden. Peter Pilz wird sich vom Ex-Verteidigungsminister vor Gericht zerren lassen. Bei diesem Pilzgericht (die Namenswitzhölle ist dem Autor gewiss)  wird sich der Grüne Revoluzzer nicht händeringend, sondern händereibend einem Vergleich unterwerfen. Jeder weiß, wer sich mit Darabos auf einen Vergleich einigt, steht am Ende als eigentlicher Sieger da. Vielleicht erweist sich dies als Pilz‘ Glückslos, der Hauptgewinn, mit dem er seinen Wahlkampf finanzieren kann?

Das große Los gezogen hat auch der französische Staatspräsident Macron, der vor Kurzem am Vormittag Angela Merkel und am Nachmittag seinen US-Amtskollegen Donald Trump zu Besuch in Paris hatte. Die Bilder von Macron mit den Führern der westlichen Welt gingen um den Globus. Am selben Abend gingen die Macrons mit den Trumps fein essen. Gerüchten zufolge soll Frau Macron nur wenig Appetit gehabt haben. Nachdem ihr Trump bei ihrem ersten Zusammentreffen recht salopp sagte, dass sie für ihr Alter eh noch recht gut aussehe, soll die französische „First Lady“ schon vor dem gemeinsamen Abendessen am Eiffelturm „angespeist“ gewesen sein. Trump hingegen war von dem Besuch an der Seine schwer beeindruckt. Dass die Franzosen ihre Hauptstadt nach Hotelerbin Paris Hilton benannten, wie Macron ihm laut Gerüchten scherzhaft erzählte, hat den US-Milliardär besonders gut gefallen. Mit Trump haben die Amerikaner tatsächlich das große Los gezogen.

 

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Dream Stronach

Frank Stronach hatte einen Traum. Er wachte eines Morgens auf und meinte, mit einer eigenen Partei das Land verändern zu können. Einige Monate und 13 verpulverte Wahlkampfmillionen später, saß er mit 10 Strohmännern und -frauen an seiner Seite im Parlament, aber nicht wie erhofft auf der Regierungsbank, sondern im Plenum.

Unorthodoxe Fernsehauftritte und Wortspenden a la „Todesstrafe für Berufskiller“ sorgten in der Bevölkerung für Kopfschütteln bis an die Grenzen des Peitschenschlagsyndroms. Monatelange Aufenthalte in Kanada erweckten den Eindruck, Stronach läge wohl doch nicht so viel am Wohle des Landes. War Österreich am Ende gar nur Frank Stronachs „Wahl-Heimat“?
Der Haken an Frank Stronachs Traum: Sein Name war Programm, wortwörtlich und ausschließlich. Mehr als Besserwisserei und Verhaltensauffälligkeiten wurden in der politischen Tagesarbeit nicht geboten. Und weil mit einem prominenten Namen allein noch lange keine Politik und schon gar kein Staat zu machen ist, entwickelte sich Onkel Franks Traum langsam zum Alptraum.Der Eingang zum Team-Stronach-Parlamentsklub glich einer Drehtür, durch die politische Leichtgewichte eintraten, viel öfter jedoch wieder hinausgingen. Zu guter Letzt sprang der Kapitän selbst, im Stile eines Francesco Schettino, vom sinkenden Schiff.

Das Team Stronach wird bei der kommenden Nationalratswahl nicht mehr antreten. Der Parteigründer gibt weder seinen Namen noch sein Geld für einen weiteren, zum Scheitern verurteilten Wahlkampf her. Die Umfragewerte des Team Stronach liegen unterhalb der Wahrnemungsgrenze. Der Traum ist ausgeträumt. Wie predigte „Frank“ so oft: „Das Wichtigste sind die Werte“. Die Werte sind längst begraben.

Zwischenbestzeit im Reformslalom

Die Regierung hat sich in den letzten Tagen auf Bildungsreform, Primärversorgung und Beschäftigungsbonus geeinigt. Eine solche Anhäufung von Kompromissen in so kurzer Zeit ist unter Rot-Schwarz durchaus bemerkenswert. Selbst im Vatikan wird man diese Tempoverschärfung mit großer Aufmerksamkeit vernommen haben. Gerüchte besagen, der Heilige Stuhl wolle eine Kommission in die Alpenrepublik entsenden, um die Vorgänge auf das Vorliegen eines wahrhaftigen Wunders zu untersuchen. 
Skeptiker kommentieren die Beschlußfreudigkeit der Koalition, wenige Wochen vor der vorgezogenen Neuwahl mit dem Sprichwort „am Abend wird der Faule fleißig“. Vielleicht hat das blinde Regierungshuhn in einer Aneinanderreihung glücklicher Zufälle auch nur drei Körner auf einmal entdeckt? Möglicherweise haben die Schwachwind-Seegler von Rot und Schwarz eine kräftige Brise ins Segel bekommen und segeln nun bis 15. Oktober auf Erfolgskurs? Oder die Damen und Herren Parlamentarier wollen die Sommerferien einfach nicht am Verhandlungstisch verbringen sondern die freie Zeit vor dem Wahlkampf für Erholung nutzen?
Sei es wie sei. Mit Serien-Bestzeiten im Reformslalom ist in nächster Zeit trotzdem nicht zu rechnen. Zu groß ist die Freude, wenn der Koalitionspartner kurz vor dem Ziel im Forderungs-Zick-Zack einfädelt und actionreich zu Fall kommt. Sowohl Rot als auch Schwarz denken nur ans nächste Rennen, nicht an den Gesamtweltcup.

Österreich : Chile

Meine früheste Fernseherinnerung ist das Spiel Österreich gegen Chile bei der WM 1982 in Spanien. Mehr als dieses Spiel selbst, prägte mich ein Geschichte, die unmittelbar vor diesem Match ihren Ausgang nahm.

Mein Vater unternahm kurz vor Beginn dieses Spieles mit mir einen Spaziergang in einem nahegelegenen Wald, in dem wenige Tage zuvor das Bundesheer eine Übung abhielt. Ich vermute es war blanke Neugier, die meinen Vater damals dazu bewog, mit mir diesen kleinen Ausflug zu absolvieren. Bestimmt wollte er erkunden, welche Spuren die Soldaten im Wald hinterlassen hatten. Leider besteht heute nicht mehr die Möglichkeit, ihn nach seinen damaligen Beweggründen zu fragen.

Irgendwann stießen wir während dieses Spazierganges auf blaue Plastikstifte, die am Waldboden lagen. Mein Vater erklärte mir, es handle sich um „Platzpatronen“, die bei der Bundesheerübung einfach weggeschmissen wurden. Umweltbewusstsein war in den frühen 80ern noch nich so bekannt.

Ich steckte einiger dieser harmlosen, bereits abgeschossenen Platzpatronen ein. Ich weiß nicht mehr, ob ich dies heimlich tat, oder ob mein Vater dies bemerkte. Wir kehrten nach diesem Spaziergang nach Hause zurück, einige Bekannte kamen zu Besuch und alle feuerten Österreich im Spiel gegen Chile an.

Tags darauf schickte mich mein Vater in die Dorftrafik, um eine Packung „Arktis“ für ihn zu holen. Wer heute einen Achtjährigen zum Zigaretten holen alleine in die Trafik schickt, dem wird die Obsorge für das Kind entzogen. 1982 war dies noch ok, zumindest bei uns im Dorf.

Stolz präsentierte ich dem Trafikanten K. , einem Mann um die 60, meine Beute des Vortags: Eine handvoll Platzpatronen. K. reagierte unentspannt und meinte, „wegen solcher Patronen kann ein Krieg ausbrechen.“ Nun liegt es wohl in der Natur eines Achtjährigen, nicht unbedingt eine kriegerische Auseinandersetzung auslösen zu wollen. An so einem Vorhaben sind schon Menschen mit wesentlich mehr Lebenserfahrung gescheitert. Ich tat das, was man im Volksschulalter eben so tut, wenn man das Schicksal der Menschheit in Händen hält: Ich schiss mir vor Angst fast in die Hosen. (Mein „Dank“ ergeht an dieser Stelle posthum an Herrn Tabakrat K. , seines Zeichens Dorftrafikant und Kindereinschüchterer der Herzen)

Ich lieferte die Pakung „Arktis“ brav zu Hause ab, lief dann eingeschüchtert zu einem großen Erdhaufen, der im Zuge von Bauarbeiten im Dorf aufgeschüttet wurde und versteckte sämtliches belastendes Material, indem ich die blauen Knallpatronen mit bloßen Händen in den Erdhaufen drückte und zusätzlich noch Erde über das „Kriegsmaterial“ schüttete.

Das Beweismaterial war ich also los, nicht aber die Furcht und schlechtes Gewissen, weil meinetwegen die Welt knapp vor dem Abgrund stand. Ich meine nicht zu übertreiben, wenn ich berichte, dass ich noch Monate nach dieser angsteinflößenden Begegnung mit Dorftrafikat K. abends nur einschlafen konnte, wenn ich in meinem Bett mit dem Gesicht in Blickrichtung Osten lag. In Richtung Westen befand sich ca. hundert Meter von unserem Haus entfernt dieser Erdhaufen, in dem ich die Platzpatronen verbuddelte. Um einschlafen zu können musste ich mich von diesen Munitionsteilen abwenden, wendete ich mich dem Erdhaufen zu, überkam mich ein beklemmendes Gefühl von Angst. Heute würde man meine damalige Reaktion wohl mit dem Begriff „Trauma“ begründen.

Heute ist der Erdhaufen längst weg, die K-Munition wohl verrottet. Krieg und Gewalt herrschen dennoch in vielen Teilen der Welt und ich frage mich: Wieviele Idioten haben ihre Platzpatronen damals NICHT eingebuddelt?

Eines noch: Österreich schlug Chile durch einen Treffer von Schoko Schachner mit 1:0.

Elefanten im Porzellanladen

Donald Trump wird also der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein. Sein Wahlkampf glich einer Hochschaubahn der Geschmacklosigkeiten. Versprochen wurde Absurdes, Kurioses und Unmögliches, während Frauen, Zuwanderer, Muslime, Schwule, Gegenkandidatin Hillary Clinton und sogar Präsident Obama beschimpft und beleidigt wurden. (Nur der Vollständigkeit halber ist anzumerken, die vorangegangene Aufzählung ist unvollständig.) Wie ein Elefant „trumpelte“ der Milliardär Donald durch den Porzellanladen der guten Manieren und politischen Korrektheit und hinterließ einen Scherbenhaufen aus Hass und Zwietracht, auf den er nun das Fundament für seine Präsidentschaft stellen muss. Für Political Correctness, für Mäßigung und Besonnenheit habe er, wie er mehrmals betonte, keine Zeit.
Keine oder nur sehr wenig Zeit bleibt der Koalition aus SPÖ und ÖVP um die Bevölkerung noch von der Sinnhaftigkeit ihrer Zweckgemeinschaft zu überzeugen. Bei den Themen Bildung, Flüchtlingspolitik, CETA und der elendslangen Diskussion um die Mindestsicherung wurde zwischen den Parteien viel Porzellan zerschlagen. Kann man im Falle Trumps von der Einzeltätertheorie ausgehen, so handelt es sich im Falle der Regierungskoalition um eine ganze Herde von Elefanten, die da versucht jedes kostbare Stück im österreichischen Politik-Porzellanladen klein zu kriegen. Nun behauptet ein bekanntes Sprichwort, Scherben würden Glück bringen. Im Umfeld des Trump-Scherbenhaufens ist weit und breit noch kein glücklicher Gewinner auszumachen. Bei uns kreist ein blauer Zahntechniker um den rotschwarzen Porzellanhaufen. Er sucht nach den schönsten Bruchstücken und baut sich daraus ein Gebiss für sein glückliches Siegerlächeln bei den kommenden Wahlen. 

Ungeheuer Chef

Eine junge Dame, ich schätze Ende Zwanzig, war heute bei mir im Geschäft um einen Einkauf zu tätigen. Niemals zuvor habe ich sie gesehen. Nachdem sie die Rechnung beglichen hatte, kramte sie in ihrer Geldbörse herum und legte 13 Cent in 1- und 2-Cent Münzen auf den Zahlteller.

„Das ist für Sie, weil die Kupfermünzen brauche ich nicht.“ Die 13 Cent landen, wie jeder Cent, den die Kindesmutter oder ich an Trinkgeld erhalten in den Sparbüchsen unserer Kinder. Bei dem Satz „aber nichts davon dem Chef geben, dem schenken wir nichts“, war ich jedoch mit meiner Schlagfertigkeit am Ende. Sollte ich der jungen Dame die dreizehn Cent mit dem Hinweis ich sei der Chef retourgeben? Schweigen? Nachfragen, warum man dem Chef nichts schenken könne? Ich dankte höflich und wünschte der Kundin noch einen schönen Tag, alles andere hätte nur zu Komplikationen geführt.

Ja, liebe Leute, es gibt auch Chefs die aktiv mitarbeiten, im Geschäft anwesend sind, mit Kunden sprechen und aus eigener Erfahrung wissen, was ihre Mitarbeiter leisten. Viele Chefs sind Menschen wie du und ich. Die meisten Chefs sind keine Ungeheuer. Ich gehe jetzt die Sparbüchsen der Kinder befüllen…

Der lange Weg

Neun Monate hatte ich mich vorbereitet, dann war er da, der Tag. Marathontag. Aufmerksame Leser kennen die Vorgeschichte. Hier eine Sammlung meiner Eindrücke, ich vergesse recht schnell.

Es ist 6 Uhr. Das Aufstehen fällt leicht. Die Sachen hatte ich schon am Vorabend zurechtgelegt. Müsli mit Banane. Die Erstgeborene betritt die Küche. Ich glaube, die Kindesmutter hat sie geweckt, damit sie mich noch ein letztes Mal lebend sieht. Sie – die Kindesmutter – phantasiert ja schon seit Tagen, was sie mit dem Geld meiner Ablebensversicherung anstellen werde. Was sie nicht bedenkt: die Versicherung bezahlt nicht bei Selbstmord. Hihi.

Die Erstgeborene umarmt mich, gatuliert mir zum Geburtstag und verkriecht sich nach dem Morgenkakao, um mir im Büro eine Geburtstagskarte zu basteln. Lieb.
Letzte Vorbereitungen. Halt. Beinahe hätte ich die Pulsuhr im Badezimmer vergessen. Ich verklebe meine Brustwarzen mit Hansaplast. Das Hansaplast ohne Wundauflage. Es sollte mir beim Abnehmen am Nachmittag mehr Schmerzen bereiten als die 42,195 Kilometer davor. Beim meinem letzten Marathon vor rund tausend Jahren hatte ich mir die Brustwarzen am Laufshirt wundgescheuer, daher wird zugepickt. Wie muss es wohl den Rittern in ihren Kettenhemden mit diesem Problem ergangen sein? Seit wann gibt es dieses Hansaplast eigentlich?

Die Erstgeborene liefert die Glückwunschkarte. Die Kindesmutter hat nun auch den Kleinen geweckt. Auch er soll den Papa offensichtlich noch mal lebend sehen. Die Kindesmutter rechnet also fix mit meinem Ableben. Die Kinder bleiben bei der Oma. Wir fahren um 6.55 Uhr los, um 7.00 Uhr holen wir Schwägerin und Nichte ab. Ich habe Fans. Aus Dankbarkeit werde ich Ihnen später die U-Bahn Tickets bezahlen. Die Kindesmutter fährt freiwillig mit, vermutlich will sie meinen Leichnam dann gleich vor Ort identifizieren. Ich mag ihr praktisches Denken.

Wir erreichen das Parkhaus beim Messegelände um Punkt acht Uhr. Es geht in die nahegelegene U-Bahn Station. Beim Praterstern steigen wir aus. Ich entledige mich von überschüssiger Kleidung. Da kühles Wetter vorausgesagt ist, habe ich mein ältestes Langarm T-Shirt angezogen. Ich werde es später vor dem Gebäude der Vereinten Nationen in die mir nicht zujubelnde Menge werfen. Die drei Damen bleiben am Praterstern, ich fahre weiter zur UNO-City. Die erste U-Bahn Garnitur ist gerammelt voll, als sie einfährt. Ich bleibe am Bahnsteig stehen. Einige Körperkontakterotiker steigen dennoch ein. Dem Dolm der zuletzt einsteigt, wird von der schließenden Tür der Rucksack eingeklemmt. Ein freundlicher Mitmensch drückt das Teil durch die Gummidichtungen von außen ins Wageninnere. In der nächsten Garnitur zwei Minuten später ist mehr Platz, zum Umfallen reicht es allerdings nicht. 

Bei den UNO Silos angekommen, sehe ich, wie sich vorwiegend Männer, aber nicht nur, an einer an eine Grünfläche angrenzende Betonmauer erleichtern. Ich ahme dies nach, Rubey sieht mir zu, erkennt mich aber nicht. Woher auch? Als Falco fand ich ihn besser.

10 Minuten vor 9 Uhr gehe ich in meinen Startblock. Alle stehen dicht beieinander. Trotz 9 Grad frieren nur jene, die ganz außen stehen. Ätsch. Hundstorfer spricht zu den Läufern. Sowas braucht an so einem Freudentag wirklich niemand. Zwei vor neun startet die Elite. Punkt neuen werden Startblock 1 und 2 nachgeschickt. Ich rechne damit, dass mein Block fünf Minuten später dran sein wird und werfe um 09.01 Uhr mein blaues Langarm T-Shirt in die Zuschauermenge. Kaum hat dieses 10 Jahre alte Textilteil meine rechte Hand verlassen verkündet der Sprecher „Startzeit 09.15 Uhr“.  Naja, nur im Laufshirt ist es dann doch etwas frisch. Der Typ vor mir im IKEA-Leiberl tänzelt die ganze Zeit hin und her. Supere Sache, wenn jeder gerade mal über einen halben Quadratmeter Standfläche verfügt. Mir geht er auf den Arsch.

Es geht los. Nach zwei Minuten erreiche ich endlich die Startlinie und starte auf meiner Pulsuhr die Zeitnehmung. Es geht bergauf zum Scheitelpunkt der Reichsbrücke. Das Tempo ist unregelmäßig. Ständig läuft dir jemand vor die Füße. Wir hier auf die Goschn fällt, hat es wohl hinter sich. Von der Reichsbrücke hinunter Richtung Praterstern. Tempo laut Pulsuhr perfekt, Puls zu hoch. Was ist los? Wenn ich mit dieser Pulsfrequenz weieterlaufe, verglühe ich noch bevor ich Schönbrunn erreiche. 

Die Kinder am Straßenrand strecken ihre Arme zum „Gimme five“ über den Streckenrand. Da ich ganz am Rand laufe, schlage ich ein. Lässig, die Kleinen. Am Praterstern  geht es in die Hauptalle. Es wird eng. Es wuselt mir zu sehr, ich weiche auf den Schotterweg aus. Die Ersten verschwinden hinter den Büschen und Bäumen. Tut euch nur keinen Zwang an. Zwei Männer mit T-Shirt „Deutsche Vermögensberatung“ kehren von der kleinen Notdurft zurück auf die Strecke. Ich frage sie, ob sie sich die Hände gewaschen hätten. Sie faseln etwas mit vermutlich Chemnitzer Akzent. Es klingt nach Ausrede, ich verweigere daher hygienebewusst den Handschlag. Wir verlassen den Prater. Der Puls hat sich beruhigt.

Am Ring. Es fühlt sich gut an. Ich komme vom Land und sehe erstmals ein Lugner-Wahlplakat. Ich schmunzle und schüttle ungläubig den Kopf. Der meint es tatsächlich ernst. Wir verlassen den Ring und laufen in Richtung Schönbrunn. Immer wieder muss man Lücken zwischen langsameren Läufern suchen. Diese Lücken schließen sich of im letzten Moment wieder. Man will mich mehrmals stürzen. Vor Schönbrunn erblicke ich Kindesmutter, Schwägerin und Nichte in der Zuschauermenge. Ich grüße höflich und bekunde meine Freude, sie hier in der Millionenstadt zu sehen. Sechzehn Kilometer sind abgespult. Keine Beschwerden. Es geht in die Mariahilfer Straße. Ich danke Gott und Maria Vassilakou für die Entschärfung der Todeskante, vermeine jedoch noch Hautfetzerl vom letztjährigen Marathon am Straßenpflaster erkennen zu können.

Alle Geschäfte sind geschlossen. Ich hätte ohnehin kein Geld dabei. Die Trennung an der Abzweigung von Marathon und Halbmarathon meistere ich heldenhaft. Ich erreiche Kilometer 21. Die Pulsuhr meint, ich hätte bereits 21,4 Kilometer zurückgelegt. Ich denke, die Kilometertafel wäre falsch gesetz, werde aber bei Kilometer 22 eines Besseren belehrt. Blöd, wenn man sich die letzten Kilometer nur an der depperten Pulsuhr orientiert hat.

Kilometer 24. Bisher kein „Hungerast“, die „Pumpe“ arbeitet im zulässigen Bereich, aber ich spüre, wie die Gesäßmuskulatur langsam „zumacht“. Meine Begleiterinnen stehen bei der Friedensbrücke an der Strecke. Die Kindesmutter ist erkennbar mit dem Anfertigen eines Handyvideos beschäftigt, bestimmt ein Beweisstück für die Ablebensversicherung. Ich tue ihr nicht den Gefallen und verende an Ort und Stelle, sondern rufe ihr scherzhaft zu, „ich kann nicht mehr, ich drehe um“.  Mathemaikbegabte werden den Unsinn eines derartigen Ansinnens bei Kilometer 24 bei einer Gesamtstreckenlänge von 42 Kilometern rasch erkennen.

Praterstern. Es geht erneut in die Hauptalle. Nun grenzt es an Folter. Das Laufen geht ja noch, aber neben mir läuft ein Mann Mitte 50. Er „schlapft“. Bei jedem seiner Schritte scheuern seine Gummisohlen über den Asphalt, riecht es gar nach verbranntem Gummi? Das Geräusch verursacht bei mir Gänsehaut. Er setzt seine Füße wohl zu früh am Asphalt auf. Am Ende des Marathons würden seine Zehen bestimmt blutüberströmt vorne bei den Schuhspitzen rausschauen, denke ich mir und lege einen kleinen Zwischensprint ein, bis ich das unerträgliche Schlapfgeräusch nicht mehr hören kann. Knapp vor Kilometer 30, kurz vor dem Happel Stadion der nächste Tiefschlag. Ich laufe auf ein junges Läuferpaar auf. Er als Robin Hood verkleidet, sie als Tinkerbell. So was will man nicht sehen, wenn man ohnehin mit einem kleinen Tief und stärker werdenden Muskelschmerzen kämpft. Wieder ein paar schnelle Schritte und ich habe diese beiden Spaßvögel hinter mich gebracht.

Beim Stadion wieder eine Zusammenkunft mit meinem Betreuerteam. Die Kindesmutter feuert mich mit „Hopp auf, Ödön“ an. Vermutlich hofft sie, dass mir ein Ast auf der Hauptallee das Licht ausknipst, Wind wäre ja ausreichend vorhanden. Vielleicht hat sie aber auch etwas ganz anderes gerufen, unter der Belastung eines Marathons ist man ja oft wie im Delirium.

Kilometer 32. Gegenverkehrsbereich Hauptalle. Begegnungszone sozusagen. Ich leide. In den Gesichtern der Entgegenkommenden sehe ich, da leiden auch viele. Ganz viele. Die sind allerdings schon ein gutes Stück weiter als ich. Die Runde ums Lusthaus ist wie eine kleine Erdumrundung. Die Streck zurück Richtung Stadion ein kleiner Marathon für sich. Meinen Harndrang unterdrücke ich im Wissen, dass ich nach dem dafür nötigen Stehenbleiben nie wieder von dem Baum meines Vertrauens loskommen werde, also lasse ich das Wasser lassen.

Raus aus dem Prater, die Beine sind taub, das Hirn leer, aber bei Kilometer 36 hört man nimmer auf. 38. es ist zäh. Irgendwie schaffe ich es auf den Ring. Ein Hauch von Kraft kehrt wieder zurück. Das positive Denken ist wieder da. Vor mir haut es einen über die Straßenbahnschienen. Zum Glück steht er alleine wieder auf. Staatsoper. Irgendwann taucht vorne das Parlament auf, doch es dauert ewig, bis ich da hin komme. Als ich es passiere, nehme ich es gar nicht mehr wahr. Blaulicht. Rettung. Zwei oder drei liegen benommen am Straßenrand. Man kann das Ziel schon sehen. Erfolg und Scheitern liegen hier ganz nahe beieinander. Die Selbstüberschätzung liegt am Straßenrand, kommt aber hoffentlich rasch wieder auf die Beine. Ich komme durch. Auch ich sehe kurz verschwommen. Es sind zwei drei Tränen der Rührung. Die meinen Blick verwässern. Es hat sich gelohnt.

Der rote Teppich. Der Zielsprecher erwähnt zweimal meinen Namen und meinen heutigen Geburtstag. Den 42. Geburtstag. 42 Kilometer am 42. Geburtstag. So lautete mein Drehbuch. Ich fühle mich wie Thomas Muster bei seinem Paris-Sieg, erhebe kurz meinen Arm, und laufe durchs Ziel. Fertig aber glücklich. 

Ich gehe hundert Meter. Meine Beine sind Beton. Ich schleppe mich zum vereinbarten Treffpunkt. Die Kindesmutter scheint trotzdem froh zu sein, dass ich überlebt habe. Wegen 42 Kilometern Laufen stirbt man nicht gleich. Ich habe das Bedürfnis mich zu setzen, aber es gibt keine Sitzmöglichkeit. Später dann, in der U-Bahn. Endlich.

Nach ein paar Stationen muss ich wieder auf. Wunderheilung. Runder Gang, keine Krämpfe, leichte Muskelschmerzen. Stiegen steigen kein Problem. Heimfahrt mit dem Auto. Easy, Cheesy. 

Zuhause. Duschen, ausgiebig. Oh, die zugepickten Brustwarzen! Das Hansaplast ohne Wundauflage. Es hat mir beim Abnehmen mehr Schmerzen bereitet als die 42,195 Kilometer zuvor.