Der lange Weg

Neun Monate hatte ich mich vorbereitet, dann war er da, der Tag. Marathontag. Aufmerksame Leser kennen die Vorgeschichte. Hier eine Sammlung meiner Eindrücke, ich vergesse recht schnell.

Es ist 6 Uhr. Das Aufstehen fällt leicht. Die Sachen hatte ich schon am Vorabend zurechtgelegt. Müsli mit Banane. Die Erstgeborene betritt die Küche. Ich glaube, die Kindesmutter hat sie geweckt, damit sie mich noch ein letztes Mal lebend sieht. Sie – die Kindesmutter – phantasiert ja schon seit Tagen, was sie mit dem Geld meiner Ablebensversicherung anstellen werde. Was sie nicht bedenkt: die Versicherung bezahlt nicht bei Selbstmord. Hihi.

Die Erstgeborene umarmt mich, gatuliert mir zum Geburtstag und verkriecht sich nach dem Morgenkakao, um mir im Büro eine Geburtstagskarte zu basteln. Lieb.
Letzte Vorbereitungen. Halt. Beinahe hätte ich die Pulsuhr im Badezimmer vergessen. Ich verklebe meine Brustwarzen mit Hansaplast. Das Hansaplast ohne Wundauflage. Es sollte mir beim Abnehmen am Nachmittag mehr Schmerzen bereiten als die 42,195 Kilometer davor. Beim meinem letzten Marathon vor rund tausend Jahren hatte ich mir die Brustwarzen am Laufshirt wundgescheuer, daher wird zugepickt. Wie muss es wohl den Rittern in ihren Kettenhemden mit diesem Problem ergangen sein? Seit wann gibt es dieses Hansaplast eigentlich?

Die Erstgeborene liefert die Glückwunschkarte. Die Kindesmutter hat nun auch den Kleinen geweckt. Auch er soll den Papa offensichtlich noch mal lebend sehen. Die Kindesmutter rechnet also fix mit meinem Ableben. Die Kinder bleiben bei der Oma. Wir fahren um 6.55 Uhr los, um 7.00 Uhr holen wir Schwägerin und Nichte ab. Ich habe Fans. Aus Dankbarkeit werde ich Ihnen später die U-Bahn Tickets bezahlen. Die Kindesmutter fährt freiwillig mit, vermutlich will sie meinen Leichnam dann gleich vor Ort identifizieren. Ich mag ihr praktisches Denken.

Wir erreichen das Parkhaus beim Messegelände um Punkt acht Uhr. Es geht in die nahegelegene U-Bahn Station. Beim Praterstern steigen wir aus. Ich entledige mich von überschüssiger Kleidung. Da kühles Wetter vorausgesagt ist, habe ich mein ältestes Langarm T-Shirt angezogen. Ich werde es später vor dem Gebäude der Vereinten Nationen in die mir nicht zujubelnde Menge werfen. Die drei Damen bleiben am Praterstern, ich fahre weiter zur UNO-City. Die erste U-Bahn Garnitur ist gerammelt voll, als sie einfährt. Ich bleibe am Bahnsteig stehen. Einige Körperkontakterotiker steigen dennoch ein. Dem Dolm der zuletzt einsteigt, wird von der schließenden Tür der Rucksack eingeklemmt. Ein freundlicher Mitmensch drückt das Teil durch die Gummidichtungen von außen ins Wageninnere. In der nächsten Garnitur zwei Minuten später ist mehr Platz, zum Umfallen reicht es allerdings nicht. 

Bei den UNO Silos angekommen, sehe ich, wie sich vorwiegend Männer, aber nicht nur, an einer an eine Grünfläche angrenzende Betonmauer erleichtern. Ich ahme dies nach, Rubey sieht mir zu, erkennt mich aber nicht. Woher auch? Als Falco fand ich ihn besser.

10 Minuten vor 9 Uhr gehe ich in meinen Startblock. Alle stehen dicht beieinander. Trotz 9 Grad frieren nur jene, die ganz außen stehen. Ätsch. Hundstorfer spricht zu den Läufern. Sowas braucht an so einem Freudentag wirklich niemand. Zwei vor neun startet die Elite. Punkt neuen werden Startblock 1 und 2 nachgeschickt. Ich rechne damit, dass mein Block fünf Minuten später dran sein wird und werfe um 09.01 Uhr mein blaues Langarm T-Shirt in die Zuschauermenge. Kaum hat dieses 10 Jahre alte Textilteil meine rechte Hand verlassen verkündet der Sprecher „Startzeit 09.15 Uhr“.  Naja, nur im Laufshirt ist es dann doch etwas frisch. Der Typ vor mir im IKEA-Leiberl tänzelt die ganze Zeit hin und her. Supere Sache, wenn jeder gerade mal über einen halben Quadratmeter Standfläche verfügt. Mir geht er auf den Arsch.

Es geht los. Nach zwei Minuten erreiche ich endlich die Startlinie und starte auf meiner Pulsuhr die Zeitnehmung. Es geht bergauf zum Scheitelpunkt der Reichsbrücke. Das Tempo ist unregelmäßig. Ständig läuft dir jemand vor die Füße. Wir hier auf die Goschn fällt, hat es wohl hinter sich. Von der Reichsbrücke hinunter Richtung Praterstern. Tempo laut Pulsuhr perfekt, Puls zu hoch. Was ist los? Wenn ich mit dieser Pulsfrequenz weieterlaufe, verglühe ich noch bevor ich Schönbrunn erreiche. 

Die Kinder am Straßenrand strecken ihre Arme zum „Gimme five“ über den Streckenrand. Da ich ganz am Rand laufe, schlage ich ein. Lässig, die Kleinen. Am Praterstern  geht es in die Hauptalle. Es wird eng. Es wuselt mir zu sehr, ich weiche auf den Schotterweg aus. Die Ersten verschwinden hinter den Büschen und Bäumen. Tut euch nur keinen Zwang an. Zwei Männer mit T-Shirt „Deutsche Vermögensberatung“ kehren von der kleinen Notdurft zurück auf die Strecke. Ich frage sie, ob sie sich die Hände gewaschen hätten. Sie faseln etwas mit vermutlich Chemnitzer Akzent. Es klingt nach Ausrede, ich verweigere daher hygienebewusst den Handschlag. Wir verlassen den Prater. Der Puls hat sich beruhigt.

Am Ring. Es fühlt sich gut an. Ich komme vom Land und sehe erstmals ein Lugner-Wahlplakat. Ich schmunzle und schüttle ungläubig den Kopf. Der meint es tatsächlich ernst. Wir verlassen den Ring und laufen in Richtung Schönbrunn. Immer wieder muss man Lücken zwischen langsameren Läufern suchen. Diese Lücken schließen sich of im letzten Moment wieder. Man will mich mehrmals stürzen. Vor Schönbrunn erblicke ich Kindesmutter, Schwägerin und Nichte in der Zuschauermenge. Ich grüße höflich und bekunde meine Freude, sie hier in der Millionenstadt zu sehen. Sechzehn Kilometer sind abgespult. Keine Beschwerden. Es geht in die Mariahilfer Straße. Ich danke Gott und Maria Vassilakou für die Entschärfung der Todeskante, vermeine jedoch noch Hautfetzerl vom letztjährigen Marathon am Straßenpflaster erkennen zu können.

Alle Geschäfte sind geschlossen. Ich hätte ohnehin kein Geld dabei. Die Trennung an der Abzweigung von Marathon und Halbmarathon meistere ich heldenhaft. Ich erreiche Kilometer 21. Die Pulsuhr meint, ich hätte bereits 21,4 Kilometer zurückgelegt. Ich denke, die Kilometertafel wäre falsch gesetz, werde aber bei Kilometer 22 eines Besseren belehrt. Blöd, wenn man sich die letzten Kilometer nur an der depperten Pulsuhr orientiert hat.

Kilometer 24. Bisher kein „Hungerast“, die „Pumpe“ arbeitet im zulässigen Bereich, aber ich spüre, wie die Gesäßmuskulatur langsam „zumacht“. Meine Begleiterinnen stehen bei der Friedensbrücke an der Strecke. Die Kindesmutter ist erkennbar mit dem Anfertigen eines Handyvideos beschäftigt, bestimmt ein Beweisstück für die Ablebensversicherung. Ich tue ihr nicht den Gefallen und verende an Ort und Stelle, sondern rufe ihr scherzhaft zu, „ich kann nicht mehr, ich drehe um“.  Mathemaikbegabte werden den Unsinn eines derartigen Ansinnens bei Kilometer 24 bei einer Gesamtstreckenlänge von 42 Kilometern rasch erkennen.

Praterstern. Es geht erneut in die Hauptalle. Nun grenzt es an Folter. Das Laufen geht ja noch, aber neben mir läuft ein Mann Mitte 50. Er „schlapft“. Bei jedem seiner Schritte scheuern seine Gummisohlen über den Asphalt, riecht es gar nach verbranntem Gummi? Das Geräusch verursacht bei mir Gänsehaut. Er setzt seine Füße wohl zu früh am Asphalt auf. Am Ende des Marathons würden seine Zehen bestimmt blutüberströmt vorne bei den Schuhspitzen rausschauen, denke ich mir und lege einen kleinen Zwischensprint ein, bis ich das unerträgliche Schlapfgeräusch nicht mehr hören kann. Knapp vor Kilometer 30, kurz vor dem Happel Stadion der nächste Tiefschlag. Ich laufe auf ein junges Läuferpaar auf. Er als Robin Hood verkleidet, sie als Tinkerbell. So was will man nicht sehen, wenn man ohnehin mit einem kleinen Tief und stärker werdenden Muskelschmerzen kämpft. Wieder ein paar schnelle Schritte und ich habe diese beiden Spaßvögel hinter mich gebracht.

Beim Stadion wieder eine Zusammenkunft mit meinem Betreuerteam. Die Kindesmutter feuert mich mit „Hopp auf, Ödön“ an. Vermutlich hofft sie, dass mir ein Ast auf der Hauptallee das Licht ausknipst, Wind wäre ja ausreichend vorhanden. Vielleicht hat sie aber auch etwas ganz anderes gerufen, unter der Belastung eines Marathons ist man ja oft wie im Delirium.

Kilometer 32. Gegenverkehrsbereich Hauptalle. Begegnungszone sozusagen. Ich leide. In den Gesichtern der Entgegenkommenden sehe ich, da leiden auch viele. Ganz viele. Die sind allerdings schon ein gutes Stück weiter als ich. Die Runde ums Lusthaus ist wie eine kleine Erdumrundung. Die Streck zurück Richtung Stadion ein kleiner Marathon für sich. Meinen Harndrang unterdrücke ich im Wissen, dass ich nach dem dafür nötigen Stehenbleiben nie wieder von dem Baum meines Vertrauens loskommen werde, also lasse ich das Wasser lassen.

Raus aus dem Prater, die Beine sind taub, das Hirn leer, aber bei Kilometer 36 hört man nimmer auf. 38. es ist zäh. Irgendwie schaffe ich es auf den Ring. Ein Hauch von Kraft kehrt wieder zurück. Das positive Denken ist wieder da. Vor mir haut es einen über die Straßenbahnschienen. Zum Glück steht er alleine wieder auf. Staatsoper. Irgendwann taucht vorne das Parlament auf, doch es dauert ewig, bis ich da hin komme. Als ich es passiere, nehme ich es gar nicht mehr wahr. Blaulicht. Rettung. Zwei oder drei liegen benommen am Straßenrand. Man kann das Ziel schon sehen. Erfolg und Scheitern liegen hier ganz nahe beieinander. Die Selbstüberschätzung liegt am Straßenrand, kommt aber hoffentlich rasch wieder auf die Beine. Ich komme durch. Auch ich sehe kurz verschwommen. Es sind zwei drei Tränen der Rührung. Die meinen Blick verwässern. Es hat sich gelohnt.

Der rote Teppich. Der Zielsprecher erwähnt zweimal meinen Namen und meinen heutigen Geburtstag. Den 42. Geburtstag. 42 Kilometer am 42. Geburtstag. So lautete mein Drehbuch. Ich fühle mich wie Thomas Muster bei seinem Paris-Sieg, erhebe kurz meinen Arm, und laufe durchs Ziel. Fertig aber glücklich. 

Ich gehe hundert Meter. Meine Beine sind Beton. Ich schleppe mich zum vereinbarten Treffpunkt. Die Kindesmutter scheint trotzdem froh zu sein, dass ich überlebt habe. Wegen 42 Kilometern Laufen stirbt man nicht gleich. Ich habe das Bedürfnis mich zu setzen, aber es gibt keine Sitzmöglichkeit. Später dann, in der U-Bahn. Endlich.

Nach ein paar Stationen muss ich wieder auf. Wunderheilung. Runder Gang, keine Krämpfe, leichte Muskelschmerzen. Stiegen steigen kein Problem. Heimfahrt mit dem Auto. Easy, Cheesy. 

Zuhause. Duschen, ausgiebig. Oh, die zugepickten Brustwarzen! Das Hansaplast ohne Wundauflage. Es hat mir beim Abnehmen mehr Schmerzen bereitet als die 42,195 Kilometer zuvor. 

Der 101. Tag des Jahres 2016

Der 10. April ist der 100. Tag des Jahres, so will es der gregorianische Kalender. Dies ist eine Tatsache, die sich alljährlich wiederholt. Davon ausgenommen sind Schaltjahre. Hier rutscht nach dem 28. Februar alles um einen Tag nach hinten, der 10. April wird zum 101. Tag des Jahres. Für den weiteren Verlauf dieser Geschichte ist dies relativ Wurscht.

Es ereignete sich am 100. Tag des Jahres 1974, dass meine Mutter unter Schmerzen das Krankenhaus aufsuchte und mich gebar. Hier liegt der Kern, der dieser Geschichte zu Grunde liegt. Der 10. April.

42 Jahre zogen seitdem durchs Land. In meiner Jugend total Sportskanone, schränkten sich meine körperlichen Aktivitäten Anfang der 2000er Jahre stark ein und kamen wenig später zum Erliegen. Beruf, Familie, Eigenheimerrichtung, Selbständigkeit…man kennt das ja. Von einem austrainierten Bürschchen mit 62 Kilo, der Ausdauerwettkämpfe bestritt, hatte  ich mich zum „g’standenen Mann“ entwickelt, 80 Kilo bei 177 cm Körperlänge. Pro Jahr ein Kilo. Fix, Oida.

Wenige Tage nachdem ich im April 2015 erstmals mehr als 80 Kilo – genaugenommen 81 Kilo – auf die Waage brachte, dachte ich mir, es könne so nicht weitergehen, ich müsse diesem körperlichen Verfall entgegenwirken. Das Fernsehen lieferte gerade tolle Bilder vom Wiener Marathonlauf, den ich in den 1990er Jahren zweimal bestritten hatte. Es ist immer wieder imposant, wenn sich die Menschenmasse der Marathonläufer in Bewegung setzt und auf der Reichsbrücke die Donau überquert. In all den Jahren, in denen ich dem Sport eher unfreiwillig den Rücken kehrte, träumte ich davon, einmal noch 42.195 Meter in Angriff zu nehmen. Irgendwann mal.

Später am Abend googelte ich „Marathon Wien 2016“ um das Datum des nächsten Marathons herauszufinden. Wenn schon nicht körperlich in der Lage an so einem Lauf teilzunehmen, so dachte ich mir, ich könnte mir dieses Event im kommenden Jahr doch zumindest als Zuseher am Rand der Strecke zu Gemüte führen und wollte mir mal den Termin vormerken. Google suchte, fand schnell. Die Suchmaschine warf den Termin aus: es war der 100. Tag des Jahres. Ich korrigiere: da es sich beim Jahr 2016 um ein Schaltjahr handelt, ist es der 101. Tag des Jahres. Wurscht. Aufmerksame Leser haben bereits erkannt, dass es sich um den 10. April handelt.

Als ich Googles Suchergebnis sah musste ich lachen. Nein eigentlich musste ich nicht lachen. In meinem Gehirn legte sich in dieser Sekunde vielmehr ein Schalter um. 

Wie oft bekommt man die Chance, ausgerechnet am Tag seines 42. Geburtstages einen Marathon von 42 Kilometern  vor der Haustüre serviert zu bekommen?  Es war ein Zeichen. Beim Marathon wird nicht zugesehen, er wird gelaufen. Fix Oida.

Die letzten zehn Jahre standen Familie, Haus, Firma, Gemeinwohl und siebenhundert weitere Sachen im Vordergrund. Mein Körper stand im Abseits, das sieht man ihm auf cirka ein Jahr alten Fotos aus heutiger Sicht auch an.

Im Juni 2015 hatte ich zwar noch keinen einzigen Kilometer trainiert, meldete mich jedoch für den Marathon an, kaufte Laufschuhe und Pulsuhr und begann mit langen, langsamen Einheiten. Die Zeit, die ich in den letzten Jahren nicht zu haben schien, zwickte ich mir von meiner Arbeitszeit weg. Meine Ambitionen sollten nicht zu Lasten der Familie gehen. Ich versuchte meine Arbeitsabläufe effektiver zu gestalten, unwichtige Dinge im Leben zu streichen. 

Heute habe ich rund 2.000 Kilometern in den Beinen, fühle mich wesentlich fitter, bin 15 Prozent Körpergewicht und viele kleine Wehwechen los. Fix, Oida.

Ein prägendes Erlebnis auf meinem Weg zu neuer Fitness war ein Gespräch mit einem Bekannten, der vom meiner Schwägerin von meinem Vorhaben erfuhr. „Wenn du dir etwas in den Kopf setzt, dann ziehst du das durch. So schätze ich sich ein“, sagte er zu mir. Wenn er wüsste, wie oft ich Dinge die ich gerne gemacht hätte abgeblasen habe, weil Anderes im Moment „wichtiger“ war, aus Pflichtbewusstsein, um Konflikte zu vermeiden oder aus irgendeinem anderen Grund und immer damit gehadert habe. Nein, diesmal bin ich dran. Diesmal ziehe ich die Sache durch, weil ich es will. Für mich. Nur für mich.

Heute ist der Tag. Ich bin gut vorbereitet. Ich habe mir das Ziel gesetzt, im Bereich meiner Zeit von 1999 zu laufen. Im Grunde ist es vollkommen egal, ob ich mein Ziel erreiche oder nicht. Es ist egal, ob ich als Fünftausendster oder Zwölftausendster durch das Ziel laufe. Es ist egal ob ich Krämpfe bekomme. Im Gegenteil. Schütten soll es wie aus Schaffeln, der Wind soll blasen und die Schuhbänder sollen mir viermal aufgehen. Gemein soll es sein. Egal. Heute ist der Tag auf den ich ein Jahr lang gewartet und hingearbeitet habe. Ich habe heute Morgen die Startnummer ans Laufshirt geheftet. Ich bin bereit.

Es ist der 101. Tag des Jahres 2016. Es ist der 10. April.

3200 Meter im Uhrzeigersinn

Eigentlich geht es hier um eine ganz andere Geschichte, eine lange andere Geschichte. Vielleicht erzähle ich an dieser Stelle mal von dieser langen anderen Geschichte.

Jetzt aber zu dieser Gschichte. Kurz gefasst, es kam irgendwann mal der Impuls und der Entschluss wieder etwas für den Körper zu tun, im Juni des Jahres 2015. Nach 15 Jahren Pause habe ich Laufschuhe und Pulsuhr gekauft und mit Grundlagenausdauertraining begonnen. Danach habe ich nach einer halbwegs flachen Laufstrecke gesucht, schwierig in einer Gegend, die sich Bucklige Welt nennt. Dann habe ich sie gefunden, „meine Runde“.

Halb Gemeinestraße, halb Radweg, Eurovelo 9, Danzig -Pula. Eine geschlossene Runde, 3200 Meter lang 20 Meter Höhendifferenz, entlang der Pitten, welche in letzter Konsequenz ins Schwarze Meer mündet.

Viele Stunden haben wir miteinander verbracht, vom Rekordsommer 2015 bis jetzt, Ende März 2016. Ich weiß alles über sie, die Runde weiß nichts über mich. 

Anfangs war reger Verkehr auf der Runde. Radfahrer, Läufer, Spaziergänger, Hundegeschäftebegleitpersonen, Mietzekatzen, Schlangen und ich. Mit zunehmender Abnahme der Temperaturen wurden sie immer weniger. Erst blieben die Schlangen weg, dann die Radfahrer. An den ganz kalten Tagen traf man vielleicht noch die Hundstrümmerllogistiker und Katzen auf der Suche nach einer Zwischenmahlzeit. 

Man lernt und beobachtet viel, wenn man monatelang ein und dieselbe Strecke im Kreis läuft. Zum Beispiel, dass die sogenannten Dog Stations, die Hundelosungssammelbehälter vollkommen umsonst aufgestellt wurden. Niemals sah ich jemand den Ballast, den ein Hund abgeworfen hatte, einsammeln. Niemals. Eine leere PET-Flasche befand sich mal eine Woche lang in so einer Sammelbox, bis sie weggeräumt wurde.

Auch gelern: Radfahrer grüßen nicht. Nie. Für den Radfahrer bist du als Läufer ein Gegner. Der Radfahrer belächelt dich, er ignoriert dich, aber er grüßt dich nicht. Der Läufer hingegen grüßt dich immer. Er ist dein Verbündeter. Spaziergänger sind grußtechnisch schwer einzuschätzen. Hundebesitzer grüßen immer freundlich. Du könntest sie ja beim Ignorieren der Dog Stations beobachtet haben. 

Das Thema Hund ist für den Läufer von heute ja kein unwesentliches, betrachtet doch mancher Hund den laufsportbegeisterten Mitteleuropäer als seinen natürlichen Feind. Der graue Rauhaarirgendwasmischling von dem weißen, sanierungsbedürftigen Haus an meiner Runde ist ja an Agressivität nicht zu überbieten. Kaum größer als ein Laufschuh, hätte der mich am liebsten immer zerfleischt, hätte ihn sein Dompteur nicht immer brav an der Leine geführt. Auch der Jagdhund der mal  aus dem Feld heraus auf mich losstürmte und den ich gerade mal im letzten Moment im Augenwinkel sah, ehe er mich zerlegt hätte soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

An den letzten warmen Herbsttagen wurde unweit der illegalen Schuttablagerung am Rand der Gemeindestraße ein Schlange von einem Auto überfahren. Sie klebte noch ungefähr zwei Wochen am Asphalt. Vermutlich beging der Lenker des Fahrzeugs Fahrerflucht. Ich wechselte jedenfalls wochenlang 20 Meter vor der Unglücksstelle die Straßenseite. Ich mag Schlangen nur von Haribo.

50 Meter vor der Kläranlage, direkt am Fluß, arbeitete sich eine Zeit lang ein Biber an einem Baum ab. Man konnte seine Spuren deutlich sehen. Seit cirka 2 Monaten gibt es keine neuen Spuren mehr von ihm. Vermutlich starb er an einer Bleivergiftung, verursacht durch das Gewehr eines Waidmannes oder der Biber zog einfach weiter, weil ihm der Gestank der nahen Kläranlage zu viel wurde. Die Kläranlage stinkt vermutlich jeden Tag im selben Ausmaß, für die Läufernase macht es jedoch große Unterschiede ob Rücken- oder Seitenwind herrscht. Bei Gegenwind kommt es zum Frontalzusammenstoß, so eine kommunale Abwasserreinigungsanlage kann einen ganz schön anfäulen.

Einmal sah ich während eines Laufes Fischzüchter beim Aussetzten von Lebendfisch. Ein anderes Mal rief ein Gemeindearbeiter vom Bauhof am anderen Ufer des Flusses zu mir herüber, er hätte dies schon mal schneller gesehen. „Aber sicher nicht von mir“, rief ich, bescheiden wie ich bin, zurück.

Oftmals brausten Autos in irrem Tempo auf der einspurigen Gemeindestraße um Zentimeter an mir vorbei, was ich stets mit hochgestrecktem Mittelfinger zu danken wußte. Einmal wurde mein Lauf für rund eine Minute unterbrochen, weil Landwirt U. seinen gesamten Rinderbestand vom Hof über die Gemeindestraße auf die Weide trieb. Er hat 28 Stück Vieh. Ich habe die Tiere im vergangenen Herbst bei einer langen Ausdauereinheit in jeder Runde gezählt. 

200 Meter nach dem Hof von Bauer U. steht eine alte Mühle die als Wochenendhaus genützt wird. Dort gibt es einen entzückenden Hasen und mehrere Hühner. Die Hühner habe ich komischerweise nie gezählt. Hendl mag ich nur, wenn es goldgeb gebacken am Teller liegt.

Meine Runde verläuft entlang der Autobahn. Die meisten Autotransporter fahren am Dienstag Nachmittag. Am Freitag Nachmittag fahren viele Reisebusse in Fahrtrichtung Graz, der beliebteste Kleintransporter ist der VW Caddy und bei der ASFINAG Autobahnmeisterei gibt es einen Parkplatz „nur für Kunden“. Über die Verkehrssituation auf der A2 am Sonntag kann ich keine Angaben machen, Sonntag hielt ich immer für die Familie frei. 

Drei Autobahnbrücken führen über meine Runde. Ein El Dorado für Lackschnüffler. Hunderte Male lief ich am Graffiti „I AM GAY“ vorbei. Wie Gay im Familiennamen heißt, hat der Nachwuchskünstler leider nicht hingeschrieben. Das daneben positionierte „NIRVANA FOREVER“ hätte ich mit einer Wachsmalkreide im Hintern genauso schön hingekriegt, vorstellen will ich mir das jedoch nicht mal selbst.

Wie zu Beginn erwähnt, ist meine Runde für 1,5 Kilometer Bestandteil des Radwegs Eurovelo 9 von Danzig nach Pula. Danzig interssiert mich nicht im Geringsten, nach Pula muss ich diesen Sommer unbedingt wieder mal hin.

Meine Runde ist 3200 Meter lang. Sie war und ist immer noch für mich da, hat mich nie nach meinen Motiven gefragt. Auf ihr habe ich Schmerzen ertragen, habe sie geliebt und manchmal auch gehasst. Ich habe sie in den letzten neun Monaten bespuckt, mit Füßen getreten, sie nass geschwitzt und sie für meine Schmerzen verantwortlich gemacht. Nur eines habe ich nie gemacht: ich bin sie niemals gegen den Uhrzeigersinn gelaufen.

Warum? 

Ich weiß es nicht.

Wien – Die Regierung braucht noch dringend einen Erfolg im abgelaufenen Jahr. Beim Tempo der großen Koalition ist diesem Vorhaben nur eines im Weg, der Jahreswechsel am 31. Dezember. Die Regierungsparteien SPÖ und ÖVP reagieren kurzfristig und berufen in letzter Sekunde eine Sondersitzung des Parlaments ein. Das Jahr 2015 soll bis 31. März verlängert werden.

 

Auf Antrag von SPÖ und ÖVP tritt der Nationalrat heute um 21.00 Uhr zu einer Sondersitzung im Hohen Haus zusammen. Kritik hagelt es für Nationalratspräsidentin Doris Bures, die der kurzfristigen Einberufung der Sitzung entgegen aller Regularien zugestimmt hat. „Wenn mein Parteifreu… ähh, der Bundeskanzler ruft, muss man Kompromisse machen“, so Bures, die die Nationalratsabgeordneten erst um 17 Uhr über die drei Stunden vor Mitternacht beginnende Sitzung informiert hat.

 

Bedenken, dass Abgeordnete, die bereits für Silvester vorgeglüht hätten, nicht rechtzeitig zu Sitzungsbeginn in Hohen Haus eintreffen würden, schmettert die Präsidentin ab. „Die Abstimmung findet erst um 23.50 Uhr statt, bis dahin sollten alle aus den Bundesländern angereist und wieder nüchtern sein. Der Plenarsaal ist auch bei regulären Sitzungen nur zur Hälfte gefüllt.“

 

Die Opposition schäumt. Das Team Stronach will bei der Abstimmung den Sitzungssaal verlassen. „Sollen sie ruhig“, meint VP-Klubsekretär Reinhold Lopatka, „es wird niemand auffallen, dass Franks Marionetten nicht im Saal sind und außerdem hole ich die in ein paar Monaten ohnehin in den Parlamentsklub der Österreichischen Volkspartei.“

 

Der Deal ist gut geplant: Um der Regierung Zeit zu geben, vor dem Jahreswechsel noch einen großen Erfolg zu landen, soll dieser per kurzfristig beschlossenem Bundesgesetz erst in der Nacht von 31. März auf 1. April erfolgen. Die Regierung gewinnt also drei Monate, um noch einen großen Wurf, wie zum Beispiel die Aufhebung der Vignettenpflicht für Autobahnparkplätze oder verpflichtende LED-Beleuchtungen für Nachttischlampen auf Schiene zu bringen.

 

Ein Jahreswechsel zum 1. April hätte auch den Vorteil, dass die jährliche Neujahrsansprache des Bundespräsidenten durch das Datum der TV-Ausstrahlung jene Bedeutung bekäme, den diese lustlos vorgelesene „Rede“ des Staatsoberhauptes verdient. Die Bevölkerung würde die Ansprache als Aprilscherz verstehen. Eine Parlamentsmehrheit zur Verlängerung des Jahres 2015 scheint also nur mehr reine Formsache zu sein.

 

Über den Entschließungsantrag der Koalitionsparteien wird zehn Minuten vor Mitternacht abgestimmt. Kanzler Faymann sieht in der kurzen Zeitspanne zum traditionellen Jahreswechsel kein Problem. „Dompfarrer Toni Faber ist eingeweiht. Sobald der Gesetzesvorschlag der Regierung im Parlament durchgewunken ist, werde ich persönlich meinen Seitenblicke-Spezi Toni Faber telefonisch über die Umsetzung der vereinbarten Maßnahmen informieren. Der Toni steigt dann in den Glockenturm des Stephansdoms um die Stromversorgung der Pummerin zu unterbrechen“, so der Kanzler. „Statt der Pummerin hören die Feiernden beim Silvesterpfad ‚Hells Bells‘ von AC/DC. Die Leut‘ sind eh immer so ang’soffen, dass sie den Unterschied sowieso nicht bemerken“, stellt der Kanzler lächelnd fest.

 

Regierungskritiker sehen in der Verlängerung des Jahres 2015 um drei Monate ein letztes Manöver der Regierung, um ihre eigene Haut zu retten. „Die Regierung kann das Jahr 2015 bis zum Sankt Nimmerleinstag verlängern. Eher steigt die Temperatur am Nordpol 50 Grad über Normalwert, bevor diese österreichische Bundesregierung noch mal etwas Sinnvolles auf den Weg bringt“, so Thomas Gschaftlhuber von der regierungskritischen Plattform „Rettet die Republik“.

Österreich errichtet Lärmschutzwände an den Grenzen

Nach der Ankündigung „baulicher Maßnahmen“ am Grenzübergang Spielfeld und der darauffolgenden Konkretisierung durch den Begriff „Zaun“ seitens der Innenministerin, ist die Regierung in Aufruhr. Unter heftigen Schmerzen und krankhaften Verrenkungen wurde von zahlreichen Mitgliedern des Kabinetts Faymann das Wort „Zaun“ durch besonders geistreiche Wortkreationen wie „technische Sicherung“ oder „ein Türl mit Seitenteilen“ umschrieben.

Nach einem Telefonat mit seinem Spezi Jean Claude Juncker von der EU-Komission und Angela Merkel ist Kanzler Faymann am 28.10. zur Einsicht gekommen worden, dass Grenzzäune zwischen Schengen-Mitgliedsstaaten die Schönheit seiner Frisur ins falsche Licht rücken würden. Seitdem stellt der Kanzler klar, dass Zäune keine Probleme lösen würden.

Innenministerin Mikl-Leitner hat nun 10 Tage Zeit einen Vorschlag auszuarbeiten, wie diese baulichen Maßnahmen zur technischen Sicherung in Form eines Türls mit Seitenteilen, das jedoch kein Zaun sein darf, am Grenzübergang Spielfeld aussehen soll.

Ein Berater der Bundesregierung dessen Namen nicht genannt werden soll, schlägt Faymann, Mikl-Leitner & Co nun die Errichtung einer Lärmschutzwand rund um das Staatsgebiet der Republik Österreich vor.

Alle Kollegen der Bundesregierung zeigen sich von dem Vorschlag hellauf begeistert. Eine Lärmschutzwand würde alle Eigenschaften erfüllen, dem lästigen Flüchtlingsproblem endlich dauerhaft Herr zu werden.

Die Innenministerin hat bereits Experten der ASFINAG mit der Planung der baulichen Maßnahmen beauftragt. Mikl-Leitner: „Die ASFINAG verfügt über das nötige Know-how, hat sie doch bereits tausende Kilometer Lärmschutzwände entlang Österreichs Autobahnen zur Zufriedenheit aller, ausgenommen Autobahnbenützer und Anrainer, geplant und umgesetzt.“

Die Vorteile von Lärmschutzwänden gegenüber Stacheldrahtzäunen liegen auf der Hand. Hier muss zunächst die Absorbierung der Umhebungsgeräusche genannt werden. Der Kanzler: „Durch so eine Lärmschutzwand könnten endlich die nervigen Zurufe dieser Angela Merkel und dieses ahnungslosen Bürokraten in Brüssel unterbunden werden. Ich könnte dann endlich meine eigene, verantwortunsvolle Flüchtlingspolitik umsetzen und müsste diese armen Teufel nicht gegen meinen Willen auf schnellstem Weg nach Deutschland weiterwinken.“ Ein weiterere Vorteil, so Faymann, wäre auch, dass man die Proteste der hinter der Wand frierenden und hungernden Menschen auf unserer Seite der Grenze nicht in so einem Ausmass wie bisher wahrnehmen könnte.

Die Planer der ASFINAG streichen den Sichtschutz als weiteren positiven Aspekt der geplanten Wände hervor. „Durch die stabile und hohe Bauweise der Lärmschutzwände ist eine Einsehen des österreichischen Staatsgebietes praktisch unmöglich. Die wartenden Schutzsuchenden können nicht sehen, wie schön unser Land ist und treten freiwillig die tausende Kilometer lange Heimreise in ihre zerbombte Heimat an. Bei Millionen von Touristen, die jährlich auf unseren Autobahnen unterwegs sind, hat sich dieses Konzept über einen langen Zeitraum bestens bewährt“, so Wolfgang Kleingeist, Chefplaner des österreichischen Autobahnerhalters. „Die Regierung könnte außerdem hunderte von Bussen mit Flüchtlingen an die bayrische Grenze karren, ohne dass der Piefke auch nur einen blassen Schimmer davon hat, weil der die Busse wegen der Lärmschutzwand ja nicht sehen kann“, so Kleingeist lächelnd.

Auch bezüglich der Notausgänge, Türen mit einer Durchgangsbreite von gerade mal 60 cm, zeigt man sich bei den Planern flexibel. Die Lärmschutzwände könnten so gestaltet werden, dass an den Südgrenzen die Notausgänge im Abstand von 20 Kilometern oder mehr positioniert werden, an den Grenzen zu Deutschland könnten Notausgänge hingegen alle 3 Metern gesetzt werden, sodass einem kontrollierten, gleichmäßigen Zu- und Abstrom von Schutzsuchenden wirklich nichts im Wege stünde.

Alles in allem scheint der Vorschlag von Lärmschutzwänden zur Grenzsicherung eine runde Sache zu sein. Einerseits handelt es sich bei diesen baulichen Maßnahmen nicht um „Zäune“ im engeren Sinn, andererseits entsprechen sie auch voll dem Credo der Bundesregierung in Flüchtlingsfragen „Nichts hören, nichts sehen, nur reden“. Da der Kanzler in dieser Frage auf ein koordiniertes Vorgehen auf europäischer Ebene pocht, scheint einer Beschlussfassung bei einem Ministerrat irgendwann zwischen 2045 und der Jahrtausendwende nichts im Wege zu stehen…

…es sei denn es wird bis dahin vor dem Kanzleramt eine technische Sperre oder ein unüberwindbares Türl mit Seitenteilen errichtet.

Sarkasmus hilft.

Die Neuen

„We are new here“, sagte er, nachdem ich ihm sein Retourgeld ausgehändigt hatte. Er hätte dies nicht sagen müssen, es war klar, vom ersten Augenblick an. Vier Semmeln und eine Dose Bohnensuppe kauften sie bei mir im G’schäft, er und seine Begleiterin.

Seit Jahren gibt es Asylwerber in unserem Dorf. Die Nationalitäten änderten sich im Laufe der Zeit. Tschetschenen, Moldawier, Irakis waren da. Nun sind es Afghanen, Syrer. Sie leben mitten unter uns und trotzdem am Rande der Dorfgemeinschaft. Edith gibt ihnen regelmäßig Deutschunterricht. Es gibt keine groben Probleme, keine Anfeindungen. Die dümmlichen Witze überhört man besser. Dodeln gibt es überall.

Oft kommt einer ins G’schäft. SIM-Karten, Batterien, Nahrungsmittel, manchmal Zigaretten, Tschetschenen holten auch Alkohol. Mit Händen und Füßen werden die Wünsche geäußert, in gebrochenem Englisch, oder stolz mit ein paar Wörtern Deutsch. Ediths Wirken wirkt.

Heute kamen sie herein und blickten sich um. Keine Ahnung ob sie seine Frau ist, seine Schwester, oder seine Braut. Draußen hatte es zehn Grad. Seine rote „Nordica“ Skijacke fiel mir auf. Schwarze Zippverschlüsse an den Unterarmen. Ich sah sie mir genau an, als er das Wechselgeld in seiner schwarzen Bauchtasche verstaute. Irgendwo hatte er vermutlich aus einer Kleiderspende diesen Anorak ergattert. 

Ja, Flüchtlinge kommen täglich ins G’schäft und sie gehen gleich wieder. Manchmal sieht sich einer länger um und verschwindet wortlos wieder. Erzählen tut keiner was. Viele lächeln freundlich.

Auch der Träger der roten Skijacke lächelte freundlich, als er das Wechselgeld verstaute. Eine Münze fiel zu Boden und rollte unter das Kassenregal. „We are new here“, sagte er. Noch nie hatte einer das Gespräch gesucht nur SIM-Karten, Batterien, Nahrungsmittel oder Zigaretten. „Where do you come from“, fragte ich ihn. Er erzählte mir seine Geschichte. Von seiner Flucht aus Afghanistan. Zwei Monate waren sie unterwegs, er und seine Begleiterin. Er erzählte von der Fahrt auf dem kleinen Boot über das Meer. „Some died“, sagte er, sein Blick sank zu Boden, drei, vier Sekunden hielt er inne. Er erzählte von Griechenland, Serbien und Ungarn, von langen Fußmärschen, von Fahrten in klapprigen Bussen und von Reisen im Zug. „Hard and dangerous“ war alles, sagte er.

Unser Zusammentreffen dauerte keine 3 Minuten und ich habe keine Ahnung, warum mir dieser Mann Mitte Zwanzig seine Geschichte erzählte. Ich weiß nur, ich will mehr erfahren. Vielleicht sehe ich ihn morgen wieder oder in einer Woche. Egal wann, ich werde zu ihm sagen „tell me more“.

Die Christl von der Post

Der Pendl wuchs in einer Bäckerei auf. Das hatte nicht nur Nachteile. Zum Beispiel im Winter, wenn ich vom Skifahren auf der „Leitn“ nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause kam, stellte ich mich halberfroren ganz nah an den Backofen und schon bald machte sich wohlige Wärme in meinem Körper breit. Blöderweise fingen gleichzeitig die auftauenden Finger derart zu „nageln“ an, dass die Hälfte auch noch zu viel gewesen wäre. Die Hände wurden dann unter eiskaltes Wasser gehalten, das solle helfen, sagte man mir immer. Meine Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Therapieform sind bis heute geblieben.

Ein Umstand den ich damals aber besonders schätzte war jener, dass man Essbares praktisch rund um die Uhr verfügbar hatte. Besonders geliebt habe ich diese großen runden Behälter, in denen sich diese Unmengen von Haribo-Leckereien befanden. Colaflascherl, Schümpfe, Erdbeeren, Lustige Sprüche… mein Gott, an diese lustigen, essbaren Sprüche habe ich sicher seit 20 Jahren nicht mehr gedacht.

Auch Torten, Kuchen, Gebäck, von der trockenen Semmel über Salzstangerl und Kornspitz… alles war jederzeit zur Verfügung, ich brauchte nur zuzugreifen, musste jedoch – darauf wurde ich sozusagen dressiert – immer vorher um Genehmigung durch die elterlichen Geschäftsleitung ansuchen. Die Entnahme der Haribo-Delikatessen war nur unter Verwendung dieser dämlichen weißen Mini-Plastikzangen erlaubt. Gesetz! 

Ich musste nur in den Verkaufsbereich unserer Bäckerei gehen und zugreifen. Lucky me!
Eines Tages, ich muss wohl so sechzehn Jahre alt gewesen sein, beauftragte mich meine Mutter, im Laden die Rollo runterzulassen und die Tür zu verschließen. Es war kurz nach 18 Uhr. Geschäftsschluss. Da Frau Mama an der riesigen, jahrzehntealten Brotschneidemaschine gerade einen Großauftrag abarbeitete, kam ich ihrer Bitte gerne nach. Das Zusperren dauerte ja nur wenige Sekunden.

Gesagt, getan. Türe zugesperrt. Rollo runtergelassen. Fertig. Die Oberlichte über der Eingangstür ließ ich geöffnet, es war Sommer, Frischluft tat gut.

Und dann sah ich sie. Meine damalige große Liebe. Die Kokosschnitte, von des Vaters Zauberhand gefertigt. Mürbteigboden mit einer dünnen Schicht Ribiselmarmelade, bedeckt von einer köstlichen, saftigen Kokosmasse. Nur zwei Zentimeter hoch, zehn mal zahn Zentimeter im Quadrat und an einer Ecke diagonal bis zur Hälfte in Schokolade getunkt. Wer kann da schon „Nein“ sagen?

Ich ging hinter die Verkaufstheke und hatte sie in der Hand, mein große Liebe. Meiner riesigen Freude Ausdruck verleihend, fühlte ich mich gezwungen ein Lied anzustimmen. Und welcher internationale Superhit fällt einem Sechzehnjährigen ein, wenn er ein Objekt seiner Begierde in Händen hält?

Ich holte tief Luft, blähte meine Brust auf wie einst der großartige Carruso und ließ es lauthals aus meinem Körper schallen…

ICH BIN DIE CHRISTL VON DER POOOOOST„.

Genüßlich biss ich ich die von Schokolade überzogene Ecke der Kokosschnitte und fühlte mich in diesem Moment so großartig, so unbesiegbar, so zufrieden und so erwachsen…

…bis ich durch die geöffnete Oberlichte über der Eingangstür die Stimme des Dorfwirten hörte, der meiner Gesangsdarbietung in ruhigen Worten ein „Und i bin da Fischer Pepi, könnt i no a Kilo Brot haben?“ entgegenbrachte. 

Schlagartig war es vorbei, mit dem Gefühl der Großartigkeit, der Unbesiegbarkeit, der Zufriedenheit, mit dem Gefühl des Erwachsenseins. Ich gab keinen Laut von mir, selbst das leiseste Kau- oder Schluckgeräusch hätte mich in diesem Moment verraten können.

Im peinlichsten Moment, den ich bis dahin in meinem Leben ertragen musste, lief ich, Sechzehnjähriger, mit langen aber ganz ganz leisen Schritten zur Brotschneidemaschine im hinteren Bereich der Backstube und forderte meine Mutter auf: „Der Fischer Pepi steht vor der Tür. Gib ihm bitte ein Kilo Brot, i kann grad ned“. Fluchtartig verließ ich den Ort der Demütigung in Richtung meines Zimmers und legte, wie knallharte Jungs das damals so taten, Guns n‘ Roses auf.

Bis heute weiß ich nicht, ob der Fischer Pepi meiner Mutter damals von dieser Geschichte erzählte. Vielleicht werde ich sie morgen oder irgendwann danach fragen. Der Fischer Pepi und ich haben nie über meine Blamage ersten Ranges gesprochen. Ich trat dem Dorfwirten im Bewußtsein, dass er etwas gegen mich in der Hand hatte stets freundlich entgegen. Wenige Jahre später wurde Pepi leider von einer heimtückischen Krankheit befallen, die er nicht überlebt hat. Heute würde ich gerne mit ihm über die Christl von der Post lachen.